Maria Klobenstein bei Kössen: Kraftort und Religionsgeschichte in nuce

Werbung. In Kooperation mit der Tourismusregion Kaiserwinkl.

Ich weiß, ich weiß…  Wallfahrten haben unter modernen Menschen einen schlechten Ruf. Purer, stumpfer Aberglaube sei es – und wenn es sich um eine barocke Kirche handelt, dann kommt unweigerlich irgendwann der Satz „Was hätte man mit dem Geld nicht alles machen können!“
Abgesehen davon, dass es keinen Sinn macht, über vor Jahrhunderten verschüttete Milch (aka ausgegebenes Geld) zu klagen, ist es doch auch schwierig postaufklärerische Ideen auf voraufklärerische Zeiten zu übertragen. In unterschiedlichen Zeiten gaben Menschen ihr Geld für unterschiedliche Dinge aus – je nach Zeitgeist. Und obendrein war die Entstehung von Wallfahrten und Wallfahrtskirchen meist komplexer, als man das heute so glaubt.

Jetzt stehen die barocken Wallfahrtskirchen nun mal und deshalb kann man die Gelegenheit ja auch nutzen, sich genauer mit ihnen zu befassen und mit den Geschichten, die sie erzählen. Seit ich im Geschichtestudium begann, mich näher mit barocken Wallfahrten zu beschäftigen, merkte ich, wie viel man aus einer Kirche erfährt, wenn man die Zeichen nur richtig zu lesen weiß (naja und ein bisschen Hintergrundwissen hat 😉 ): Religions-, Kunst-, Sozial-, Medizin- und Wirtschaftsgeschichte schlagen sich dort häufig ebenso nieder wie politische Spannungen. Die Wallfahrtskapellen am Klobenstein bei Kössen im Kaiserwinkl in Tirol sind ein Paradebeispiel dafür, wieviel man aus einer Kirche erfährt, ohne vorher noch die Primärquellen bemühen zu müssen. Neugierig geworden? Dann lest mal weiter…

Die Wallfahrtskapellen mit dem namensgebenden „geklobten Stein“

Die Legende vom Klobenstein

Die Lourdeskapelle vor dem Klobenstein

Maria Klobenstein ist eigentlich eine Ansammlung von Kultorten, deren ältester sich bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen lasst. Ob es noch ältere – vielleicht sogar vorchristliche? – Kultstätten dort gab, ist nicht überliefert, wird aber gerne spekuliert. In spirituellen Kreisen gilt der Klobenstein als Kraftort und Ideen über vermutete vorchristliche Kulte gibt es viele (siehe hier z.B.).
Grund dafür ist der namensgebende „geklobte Stein“, der direkt an den Kirchen steht.

Dieser Fels reicht der dahinter liegenden Marienkapelle bis ans Dach und wurde ursprünglich wohl durch einen Bergsturz gespalten. (1) Die Legende erzählt die Geschichte natürlich etwas anders:

Eine alte Frau ging einmal von Kössen in Richtung Marquartstein, als sich plötzlich ein großer Felsbrocken löste und sie zu erschlagen drohte. In ihrer Angst schickte sie ein Stoßgebet zur Muttergottes, woraufhin sich der Felsblock spaltete und die Frau verschont blieb.(2)

Heilige Steine und Quellen – Naturmagische Vorstellungen an Wallfahrtsorten

Der geklobte, sprich: gespaltene Felsblock war also laut Legende schon immer mit der Gottesmutter in Verbindung gebracht worden. Womit er ursprünglich in Verbindung gebracht wurde ist, wie gesagt, nicht bekannt. Auf jeden Fall regte er – wie so viele ungewöhnlich geformte Gesteinsbrocken – die Fantasie der Menschen an. Ein solcher Stein konnte doch gar nicht ohne Hilfe übernatürlicher Kräfte entstanden sein!

Die Volkssagen sind voll von besonderen Steinen: Seien es die FußspurenChristi, die Fingerabdrücke des Teufels, Schalensteine oder große Findlinge, die von einem zornigen Riesen in die Landschaft geworfen wurden: „heilige“ oder „magische“ Steine findet man quasi überall – nicht selten übrigens auch bei katholischen Wallfahrtskirchen. Ein populäres Beispiel ist dafür der sogenannte „Zeichenstein“ auf dem Sonntagberg bei Linz (siehe hier).

Der Durchgang im Klobenstein führt direkt zu einer Seitentür der Marienkapelle

Steine, so glaubte man, konnten Kräfte oder Energien speichern. (3) Kranke Hautstellen und Gliedmaßen bestrich man mit Steinen, weil man glaubte, der Stein würde die Krankheit so aufnehmen oder aber auch seine eigenen, guten Energien abgeben. Je sonderbarer ein Stein geformt war, desto stärkere Kräfte sagte man ihm nach.
Eine besondere Kategorie – und in diese fällt auch der Klobenstein – sind die sogenannten „Durchkriechsteine“ (Beispiele gibt es hier), also Felsen, die ein schmales Loch ließen, durch das man kriechen konnte. Normalerweise war dies verbunden mit einer bestimmten Auflage, die man zu erfüllen hatte, damit der Stein auch wirkte. Durch das Matterhörndl bei Wien musste man z.B. „ungeschaut und ungeschrien“ kriechen – also ohne sich umzublicken oder zu sprechen (Quelle). Auch beim Klobenstein gibt es eine solche Auflage, wie Wanderführerin Manu uns erzählte: Wenn eine Frau durch den Durchgang ging, ohne den Stein zu berühren, erfüllte sich ihr ein Wunsch.

Dass der Ort beim Klobenstein ein besonderer und heiliger ist, wird noch an einer anderen Sache deutlich: Unterhalb des Steines gibt es eine Quelle.
Ebenso wie besondere Steine, spielten auch Quellen stets eine bedeutende Rolle im Volksglauben. Das ist verständlich, wenn man sich vor Augen hält, wie wichtig, der Zugang zu sauberem Wasser für ein Dorf oder eine Siedlung war – schlicht und ergreifend überlebenswichtig.
Früher stellte man sich Quellen und Brunnen als von einem Geist beseelt vor, den man sich gewogen wissen wollte.(4) Er hatte die Macht, Wünsche zu erfüllen, bestrafte Faule, belohnte Fleißige (wie etwa Frau Holle, deren Reich im Märchen über einen Brunnen zugänglich ist). Deshalb opferte man dem Quell- oder Brunnengeist oder schmückte den Brunnen. Die Idee der beseelten Quelle verschwand zwar nach und nach, aber noch heute werfen Menschen Münzen in Brunnen, um sich etwas zu wünschen, oder schmücken sie – wie es etwa beim Agnesbründl in Wien der Fall ist (Bild siehe hier).

Bründlwasserflaschenautomat in Maria Dreieichen

Jedenfalls findet man Quellen ebenfalls sehr häufig bei katholischen Wallfahrtsorten: Bei großen und neuzeitlichen Wallfahrtsorten wie Lourdes ebenso wie bei kleinen, lokalen Kultorten, etwa Maria Dreieichen im Waldviertel, wo sich unweit der Wallfahrtskirche ein „Bründl“ befindet – samt daneben stehendem Automaten mit Flaschen zum Abfüllen des Bründlwassers. Denn traditionell werden diesen heiligen Quellen Heilkräfte zugeschrieben und zwar – darauf kann man fast wetten – in erster Linie bei Augenkrankheiten. So ist es auch bei der Quelle am Klobenstein.

Ziemlich sicher ist, dass sowohl die Quelle als auch der Klobenstein in die Kulthandlungen am Wallfahrtsort mit einbezogen wurden. Die Quelle alleine deshalb, weil man ihr Heilkräfte nachsagte, beim Stein ist es noch augenfälliger: Eine Seitentüre der Marienkapelle führt direkt in die Spalte des Felsens!

Gab es denn nun am Klobenstein eine uralte, vorchristliche Kultstätte? Das weiß niemand so genau – Quellen, die dies belegen könnten, gibt es offenbar nicht. Für die Kirchenoberen aber waren diese Praktiken mit Steinen, Quellen und oft auch Bäumen ( z.B. Maria Dreieichen im Waldviertel, Marienbaum im Bistum Münster etc) häufig als heidnisch verpönt und wurden mit Stirnrunzeln und Naserümpfen geduldet, wenn man sie schon nicht unterbinden konnte.
Natürlich spiegeln sich hierin naturmagische Ideen, wie man sie aus vor-christlichen Religionen kennt (Nymph-Kulte an Quellen z.B.).
Peter Hersche, ein großer Barockforscher schreibt dazu:

„Neben den allgemein üblichen „offiziellen“ (…) geistlichen Verrichtungen gab es an manchen Wallfahrtsorten noch einige weitere, für sie spezifische, die zu Bedenken Anlass gaben, weil sie die Grenze zu magischen Handlungen wenigstens streiften, wenn nicht überschritten. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass in ganz Europa viele Wallfahrtskirchen offenbar an die Stelle älterer Quell-, Baum- und Steinkulte traten, die damit verchristlicht wurden. Gewiss lässt sch eine direkte Kontinuität zu vorchristlichen Kulten, welche die frühere Volkskunde oft etwas leichthin konstruierte, in den wenigsten Fällen herstellen, sie bleibt fast immer mehr oder minder Vermutung. Die Häufung der mit Baumnamen verbundenen Marienheiligtümer, die vielen mit Bäumen verbundenen Ursprungslegenden und die Anzahl heilkräftiger Brunnen an Wallfahrtsorten kann aber nicht Zufall sein. In Bayern wurden 150 solcher Quellkulte ausgemacht (…).
Die Geistlichkeit hätte sie vermutlich gerne schon lange abgeschafft, doch hätte dies einen im Barock noch undenkbaren Traditionsbruch bedeutet und auch den Volkszorn entfacht. Der Kampf gegen diese Überreste als heidnisch erachteter Kulte begann außerhalb Frankreichs ernsthaft erst in der Aufklärung.“ (5)

Hersche räumt hier, ganz nebenbei, mit einem weiteren Klischee auf: Es war bei weitem nicht immer so, dass die Christen kamen und alte heidnische Kultorte umweihten oder zerstörten und durch christliche ersetzten (auch wenn dies natürlich nachweislich auch geschehen ist!), sondern häufig zeigt sich unter den einfachen Menschen lediglich eine Kontinuität, was man als heilig und verehrenswert erachtete – und das über den Religionswechsel hinweg.
Zudem sollte man nicht vergessen: Die Menschen der frühen Neuzeit waren nach wie vor sehr naturverbunden – und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ihre Vorstellung von heiligen Orten noch immer sehr naturreligiös anmutet. Diese Vorstellung wussten die Menschen auch durchzusetzen – wenn es sein musste auch gegen den Widerstand von oben.

Die Marienheiligtümer am Klobenstein

Maria Hilf

Blick auf die heutige Marienkapelle mit dem Turm der Loretokapelle

Doch zurück zum Klobenstein und den nun wirklich eindeutig nachweisbaren Kulten der frühen Neuzeit.
Die Entstehung der Wallfahrt wird uns durch ein Votivbild von 1710 erzählt, das eine Inschrift folgenden Inhalts trägt:

Im Jahr 1664 litt Georg Thaler aus der Nähe von Kössen unter solchen Leibesschmerzen, dass er Gott und die Gottesmutter um Hilfe anrief, sie sollten ihm eine Eingebung schicken, was er tun könne. Die Eingebung bestand aus der Idee, beim Klobenstein eine Kapelle bauen zu lassen. Um die gleiche Zeit litt Wolfgang Ober aus Bayern unter den Fraisen (Krämpfen) und hatte eine ähnliche Idee.
Zufälligerweise trafen die beiden Männer am Klobenstein zusammen und erfuhren von der Geschichte des jeweils anderen, so dass sie kurzerhand beschlossen, gemeinsam eine Kapelle zu Ehren der Gottesmutter erbauen zu lassen, die 1674 vollendet wurde. (6)

Ein bisschen anders klingt der Bericht des Dechants von 1673: Er erzählt von einem Maria Hilf-Bild, das „vor vielen Jahren“ am Klobenstein angebracht worden sei, bei dem Reisende zu rasten und vom heilkräftigen Wasser zu trinken pflegen. Um das Bild vor der Witterung zu schützen hätte man das Bild mit einem Mäuerlein umgeben.(7) Es war wohl also eine kleine Waldkapelle entstanden.
Nicht wenige Wallfahrtsorte – auch so große wie die Wieskirche im bayerischen Pfaffenwinkl – nahmen von einem irgendwo angebrachten Andachtsbild, das aufgrund irgendeines Vorfalls immer mehr Menschen anzog, ihren Ausgang.

Das Bild Maria Hilf von Lucas Cranach

Im 17. Jahrhundert handelte es sich demnach bei dem Andachtsbild am Klobenstein um ein Maria Hilf-Bild. Maria Hilf ist einer der größten Wallfahrtsorte im deutschsprachigen Raum und befindet sich auf einem Berg über Passau. Verehrt wurde hier die Kopie eines Gemäldes von Lukas Cranach, das Maria mit dem Jesus Knaben zeigt und dessen Original sich in Innsbruck befindet. Doch egal, wie sehr die Innsbrucker sich bemühten, die Kopie in Passau hatte die größere Anziehungskraft. Der Maria Hilf-Kult verbreitete sich weit. Es gab unzählige Mariahilf-Kirchen, die wiederum Kopien der Kopie aus Passau enthielten und zum Teil selbst Wallfahrtsorte (sog. „Tochter-Wallfahrten“) wurden. In Wien wurde danach sogar ein kompletter Bezirk benannt und Waffen, die während der Türkenbelagerung von 1683 vor Wien erbeutet worden waren, wurden der Gottesmutter von Mariahilf ob Passau als Votivgabe dargebracht (und sind noch heute dort ausgestellt). Es ist also nicht ungewöhnlich, dass hier in Tirol – nicht allzuweit von Innsbruck, wo sich eine Tochterwallfahrt gebildet hatte – ebenfalls ein Maria Hilf-Bild verehrt wurde.

Die Loretokapelle

Loreto-Madonna in Maria Klobenstein

1696 wurde der Ruf nach dem Bau einer Kirche lauter: „Es ist dortselbst [am Klobenstein] ohne Altar und Kirche ein großer Zulauf, aber die Gemeinde wünscht ein Kirchlein und einen Altar.“(8), steht etwa in einem Visitationsbericht. Es dauerte noch einige wenige Jahre und dann wurde 1701 die Genehmigung erteilt, eine Kapelle „zu Ehren Unserer Lieben Frau von Loreto“ zu bauen.
Maria von Loreto folgt nun wieder einem völlig anderen Typus von Marienkult, der im Barock große Beliebtheit genoss.
In Loreto in Italien befindet sich einer der größten italienischen Marienwallfahrtsorte, denn dorthin – so die Legende – hatten Engel nach der Eroberung des Heiligen Landes durch die Muslime die Casa Santa, das Haus der Maria getragen. Ulrike von Zypresse Unterwegs hat sich diesem Wallfahrtsort in einem tollen Artikel gewidmet, den ihr hier lesen könnt.

Doch was sollte nun wieder ein italienischer Wallfahrtskult in Tirol? Die beiden großen Gegenreformatoren, Kaiser Ferdinand II. von Habsburg und Kurfürst Maximilian I. von Bayern, waren nicht nur überzeugte Katholiken und eifrige Gegenreformatoren, sondern massive Förderer von Wallfahrten. Unter ihnen wurden die Wallfahrtsorte Altötting (für Bayern) und Mariazell (für Österreich) zu de facto „Staatsheiligtümern“ und die Marienverehrung zu einer Art „Staatskult“ ausgebaut. Besonders Ferdinand II. war berühmt für seine glühende Verehrung von Loreto. Auf seiner Pilgerfahrt nach Italien soll er dort das Gelübde abgelegt haben, seine Länder – wenn nötig mit Gewalt – von der Häresie zu befreien und dem rechten (also katholischen) Glauben wieder zuzuführen.(9)
An Gewalt und Zwang wurde bei der Rekatholisierung Österreichs nicht gespart, aber als nachhaltiger erwies sich die Förderung bestimmter Frömmigkeitsformen, die die Bevölkerung auf sanftere Art wieder für den Katholizismus begeistern konnten. Maria Loreto-Kapellen – die man in Bayern und Österreich sehr zahlreich finden kann – sind somit „auch ein herrschafts- und religionspolitisches Zeugnis der Gegenreformation“ (10).

Der 1701 begonnene Bau scheint allerdings erst einmal stagniert zu haben. Ein Grund – so wird vermutet – könnten Grenzstreitigkeiten zwischen Bayern und Tirol gewesen sein. Maria Klobenstein liegt ja direkt an der Grenze. Natürlich war den Tirolern viel daran gelegen, eindeutig klarzustellen, dass dieser Heilige Ort ihnen gehörte. Und so verwundert es auch nicht, dass es Legenden gibt, die dies untermauerten – quasi absegneten. So hätte sich der Stein angeblich deshalb gespalten, weil man sich nicht einigen konnte, wohin der Marienkultort gehörte. Nach der Spaltung war dies dann klar: Denn das Marienbild hing auf dem Tirol näher stehenden Felsteil.
Eine andere Legende dagegen erzählt, die Kapelle hätte sich ursprünglich auf bayerischer Seite befunden und Engel hätten sie dann nach Tirol gebracht. (11) Hier schlagen sich nicht nur die Grenzstreitigkeiten nieder, sondern auch die ursprüngliche Legende um die Casa Santa in Loreto.

Die Marienkapelle

Das eigentliche Gnadenbild

Trotz des Baues der Loretokapelle befand sich das eigentliche Wallfahrtsbild noch immer in einem „schlechten, von Brettern zusammengemachten offenen Verschlag (…) wobei ein Opferstock, wie vor 4 Wochen geschehen, öfters aufgebrochen werde“. 1731 bat die Gemeinde deshalb „ein rechtes förmliches Kirchlein erpauen zu dürfen, um darin das wundertätige Gnadenbild (…) auf den Altar zu erheben.“ (12)
1733 wurde die neue Kapelle bereits vollendet und „das Marienbild am Laurentiustag in Anwesenheit tausender Gläubiger an seinen neuen Aufbewahrungsort übertragen“ (13)

Wann genau es geschah, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, aber das ursprünglich verehrte Maria Hilf-Bild war irgendwann durch ein anderes Gnadenbild ersetzt worden. Ursprünglich handelte es sich dabei um eine gotische Anna-Selbdritt-Gruppe aus dem 15. Jahrhundert (also eine Darstellung von Marias Mutter Anna mit Maria und Jesus). Im Barock wurde die Figur umgestaltet und stellt heute eine thronende Madonna mit Kind dar, die auch auf den Votivbildern von 1710  und 1732 schon abgebildet ist (14).

Darstellung des Gnadenbildes auf einem Votivbild von 1732

Lourdes-Kapelle

Die Marienkapelle wurde nordseitig an die Loretokapelle angebaut, genau so, dass eine Seitentüre direkt zum Durchgang des Klobenstein führte, dem der Kultort seine Existenz ja wahrscheinlich verdankt. Beide Kapellen sind durch einen überdachten Gang verbunden, der sich an der westlichen Seitenwand der Loretokapelle anschließt. Das Ganze wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts also zu einem komplexen Gebilde aus Marienwallfahrtsorten, die architektonisch miteinander verbunden wurden.

Gesamtansicht der Wallfahrtskapellen mit dem Klobenstein: vorne: die Lourdes-Kapelle, hinter dem Stein halb verborgen: die Marienkapelle, rechts mit Turm: die Loreto-Kapelle

Doch damit nicht genug – im 19. Jahrhundert fügte man noch eine weitere Kapelle hinzu. Und zwar fasste man 1876 die Quelle unterhalb des Klobensteins in der damals populären Form einer Lourdes-Grotte.
1858 erschien im südfranzösischen Ort Lourdes die Gottesmutter der damals 14jährigen Bernadette Soubirous insgesamt elf Mal in einer Grotte. Während dieser Visionen legte Bernadette eine Quelle frei, der – wenig überraschend – Heilkräfte zugesprochen wurden (und werden!).
Kurz zuvor war das Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“ (einer schon lange existierenden Idee) verkündet worden und als Bernadette – aufgefordert von ihrem skeptischen Pfarrer – die Erscheinung nach ihrem Namen fragte, antwortete diese „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Welch Zufall…
Die Erscheinungen in Lourdes fielen in eine Zeit, in der die katholische Kirche in Rom und der katholische Glaube wieder an Kraft und Einfluss gewannen und allgemein alte Frömmigkeitsformen neu belebt oder gar neue Andachtsformen aufgenommen wurden. Dies war die Zeit der heute bespöttelten „süßlichen“ Marien- oder Herz Jesu-Bilder – und genau in diesem Stil sind die weitverbreiteten Lourdes-Grotten gehalten. Die Lourdeskapelle am Klobenstein ist da keine Ausnahme, sondern folgt treu dem Bildprogramm dieses Marientypus und entstammt somit der Zeit der neuauflebenden Marienverehrung.

Die Lourdes-Kapelle mit der gefassten Quelle vor dem Stein und der Loreto-Kapelle

Maria Klobenstein – eine Ansammlung von Kultorten

Die kleinen unscheinbaren Kapellen unterhalb der Straße und oberhalb der malerischen Kössener Ache ist also weit mehr, als man auf den ersten Blick glauben könnte. So allerhand volksreligiöse und naturmagische Vorstellung hat sich darin niedergeschlagen, genau wie auch eine ganze Reihe großer Marienkulte der Neuzeit. Was wir am Klobenstein haben, ist Religionsgeschichte in nuce – viele Einflüsse auf kleinem Raum.

Wandern bei Maria Klobenstein

Wer jetzt Lust bekommen hat, die Wallfahrtskapellen selbst einmal zu besuchen und vielleicht diesen Besuch mit einer Wanderung im malerischen Kaiserwinkl zu verbinden, dem sei das sehr ans Herz gelegt. Nicht nur, dass ich die Geschichte der Kapellen spannend finde, auch die darunter fließende Kössener Ache ist herrlich und eignet sich obendrein auch für Rafting-Touren.

Blick auf die Kössener Ache

Eine schöne einfache Wanderung über den Schmugglerweg zum Klobenstein beschreibt zum Beispiel Uli von aufdenberg.de.

Transparenz-Hinweis:

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Tourismusregion Kaiserwinkl. Ich wurde mit anderen Bloggern im Herbst 2017 zu Blogger-Wandertagen eingeladen, während denen wir auch die Wallfahrtskirchen Maria Klobenstein besuchten.

 


(1) Die Wallfahrtskapellen Klobenstein, hrsg. vom Pfarramt Kössen, 2. überarbeitete Aufl., Innsbruck 2012, S. 7.
(2) Ebd., S. 6.
(3) Bandini, Ditte und Giovanni: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998, S. 276f.
(4) Ebd., S. 214f.
(5) Hersche, Peter: Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter, Freiburg/Basel/Wien 2006, S. 828.
(6) Die Wallfahrtskapellen Klobenstein, hrsg. vom Pfarramt Kössen, 2. überarbeitete Aufl., Innsbruck 2012, S. 6.
(7) Ebd., S. 9.
(8) Ebd., S. 10.
(9) Franzl, Johann: Ferdinand II. Kaiser im Zwiespalt der Zeit, Graz/Wien/Köln 1978, S. 55. Herzig, Arno: Der Zwang zum wahren Glauben. Rekatholisierung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Göttingen 2000, S. 39.
(10) Die Wallfahrtskapellen Klobenstein, hrsg. vom Pfarramt Kössen, 2. überarbeitete Aufl., Innsbruck 2012, S. 13.
(11) Ebd., S. 6.
(12) Ebd., S. 15.
(13) Ebd., S. 15.
(14) Ebd., S. 7.

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10 Gedanken zu “Maria Klobenstein bei Kössen: Kraftort und Religionsgeschichte in nuce

  1. Mensch Ilona! Da steckt aber wirklich viel Recherche-Arbeit drin in diesem spannenden Beitrag! Ich finde es total interessant, wie sich an einem Ort so viele Kapitel Kultur-, Religions-, Sitten- und sonstige Geschichte erzählen lassen. Da nimmt man so einen Ort gleich ganz anders wahr!
    Liebe Grüße
    Angela

    • Das freut mich! Genau das wollte ich mit dem Artikel zeigen, was sich alles an einem einzelnen Ort zeigen und erzählen lässt, wieviel hinter scheinbaren Kleinigkeiten steckt.

  2. Also Ilona, Gratulation zu dem großen Wissen, das du dir da angeeignet hast und uns vermittelst. Da dieses Stück Natur in meiner Nähe ist, kenne ich es gut. Wunderbar wie du das gemacht hast. Grüße aus dem Pinzgau.

  3. Liebe Ilona,

    ich finde es super interessant, diese ganzen Details zu erfahren. Schade, dass ich von diesem Ort nichts wusste, als ich vor einigen Jahren in der Nähe war.
    Dafür bin ich mit dem Kajak die Kössener Ache gepaddelt und habe die großartige Natur bewundert.

    Liebe Grüße Gina

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