Warum ich gerne Bahn fahre: 6 Gründe

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Für alle Leser meines Blogs ist es wahrlich kein Geheimnis mehr, dass ich gerne mit der Bahn fahre. Sowohl in meinem Alltag nutze ich die öffentlichen Verkehrsmittel, aber auch im Urlaub reise ich – wann immer es möglich ist – mit Bus und Bahn. Nicht nur vor Ort, sondern auch die Anreise mache ich am liebsten mit dem Zug.

Natürlich gibt es Reiseziele, die auch ich mit dem Flieger bereise, einfach weil sich keine praktikable Anreisemöglichkeit mit dem Zug finden ließ. Aber dann greife ich eher zähneknirschend auf das Flugzeug zurück. Das liegt tatsächlich nicht nur daran, dass ich gerne so umweltfreundlich wie möglich reisen möchte, sondern besonders daran, dass ich tatsächlich lieber mit dem Zug als mit dem Flugzeug reise.
Doch warum eigentlich? Welche Vorteile hat Zugfahren im Vergleich zu anderen Reisearten meiner Meinung nach? Wieso reise ich trotz der Ticketpreise, trotz der Gefahr von Zugausfällen und Verspätungen gerne mit der Bahn? Das möchte ich euch in diesem Artikel erzählen.

Abendstimmung am Hauptbahnhof in München. Ich mag die Atmosphäre von Bahnhöfen – das Gefühl von Vorfreude und Aufbruch

Ankunft mit dem Nachtzug in Bologna

Bahnfahren ist besser als sein Ruf

Oh, ich weiß, ich weiß. Bahnfahren hat nicht den besten Ruf. Zugausfälle, Verspätungen, Unzuverlässigkeit… wir kennen es alle zu genüge. Da ich seit Jahren eine sehr regelmäßigee Bahnfahrerin bin, kenne ich die ganze Produktpalette von Bahndurchsagen (mein Favorit war übrigens: „Spielende Kinder auf einem Militärzug vor uns auf der Strecke“).
Trotzdem scheint mir, dass die Unzuverlässigkeit der Bahn besonders von denen immer wieder hervorgehoben wird, die sowieso so gut wie nie Bahn fahren – und die es auch nicht mögen. Als würden sie ein wenig danach Ausschau halten, was ihre schlechte Meinung vom Zugfahren bestätigen kann.
Und offenbar haben diese Leute aber nie Staus mit dem Auto? Oder haben Flugzeugausfälle? Ich sehe jeden Morgen und Nachmittag Autos in der Stadt stehen – nicht fahren – weil alles verstopft ist. Und auch mit dem Flugzeug habe ich schon Verspätungen von mehreren Stunden erlebt.
Es ist trotzdem so, dass im Jahr 2020 über 80% der Fernverkehrszüge und unglaubliche 96% der Regionalzüge der Deutschen Bahn pünktlich oder mit einer Verspätung unter sechs Minuten fuhren. Bei den ÖBB sahen die Zahlen noch ein bisschen besser aus. Auch hier waren im Nahverkehr 96% der Züge pünktlich, im Fernverkehr sogar 87%.

2020 war sicher auch ein Ausnahmejahr, da es aufgrund der Corona-Pandemie weniger Fahrgäste gab, was z.B. Aus- und Einsteigezeiten massiv verkürzte. Dennoch war auch in den Jahren zuvor der größte Teil der Züge pünktlich (2019 waren es immerhin noch 75% der Züge der DB gewesen, die pünktlich ankamen). Dass wir alle uns eher an unsere katastrophalen Fahrten erinnern als an all diejenigen, die gut gingen, liegt wohl einfach in erster Linie an der Wahrnehmung: Unser Gehirn konzentriert sich auf das Ungewöhnliche und Negative. Und so bleibt uns auch die Verspätung unterwegs eher im Gedächtnis, als die Tatsache, dass der Zug die Zeit bis zum Zielbahnhof wieder eingeholt hat.

Nachtzug nach Rom

Im Nachtzug nach Rom


Warum ich gerne Bahn fahre: Sechs Gründe

Umweltfreundlichkeit

Dass Zugfahren besser für die Umwelt ist als Fliegen ist nun wirklich kein Geheimnis mehr. Auch dass man die Umwelt schont, wenn man das mal Auto stehen lässt – oder gleich ganz auf ein Auto verzichtet – ist hinreichend bekannt. Und natürlich ist dies für mich ein wichtiger Faktor.
Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass ich seit 2009 autofrei lebe und dementsprechend in meinem Alltag in erster Linie auf dem ÖPNV zurückgreife. Aber auch bei Reisen tue ich das für gewöhnlich und habe mir vor ein paar Jahren vorgenommen, so oft wie möglich mit dem Zug in den Urlaub zu fahren.

Kürzlich stieß ich allerdings auf eine Seite, die es für mich noch einmal viel nachvollziehbarer machte, wieviel CO2 man wirklich bei Bus- und Bahnnutzung einspart: den Fußabdruckrechner der TU Graz.
Für meine Latium-Rundreise habe ich den CO2 Fußabdruck ausgerechnet und dann einfach mal die Modalitäten für Anreise und Mobilität vor Ort geändert (der Rest blieb gleich, also z.B. Ernährungsweise und Art der Unterkunft).
Da ich das doch ziemlich eindrucksvoll fand, dachte ich, ich teile hier einmal die Screenshots der verschiedenen Ergebnisse:

1. die von mir geplante und durchgeführte Reise: Anreise mit dem Zug. Mobilität vor Ort mit Zug und Bus.
2. Anreise und Mobilität vor Ort mit dem Auto (Benziner)
3. Anreise mit dem Flugzeug. Mobilität vor Ort mit dem Auto (Benziner)
4: Anreise mit dem Flugzeug. Mobilität vor Ort mit Zug und Bus.

Ziemlich eindrücklich, oder? Mich bestärkte es jedenfalls wieder, auch weiterhin wann immer möglich meine Reisen mit dem Zug zu unternehmen.

Dass der Fußabdruck beim Autofahren so viel größer ist, als beim Fliegen, erklärt sich dadurch, dass ich die Reise alleine unternommen habe. Hätte ich das ganze für vier Reisende ausgerechnet, wären die Zahlen auch niedriger gewesen. Beim Flugzeug nahm man wohl einfach eine gewisse Anzahl an Reisenden im Flieger an. Der Rechner berechnet also weniger die allgemeine Klimaschädlichkeit des jeweiligen Vehrsmittels, sondern den persönlichen Fußabdruck.

Natürlich heißt das nicht, dass jedes Reiseziel so leicht mit dem Zug zu erreichen ist, das ist mir durchaus bewusst. Aber bevor ich einen Flug innerhalb Europas in Erwägung ziehe, schaue ich doch lieber erst einmal, ob es gute Zug- oder Bus-Verbindungen gibt. Bei omio.com könnt ihr Verbindungen mit Flugzeug, Zug und Bus z.B. gleichzeitig abfragen und habt so schon einmal einen Überblick.


Häufig kein Zeitverlust

Zugfahren dauert ewig! Nach Paris fliegt man nur 1,5 Stunden, aber der Zug braucht fast sechs Stunden. Aber ist das wirklich so?

Irgendwann habe ich einmal durchgerechnet, ob ich mit dem Flieger wirklich schneller bin als mit dem Zug.
Ich weiß nicht, wie nahe ihr am Flughafen wohnt, aber ich brauche – obwohl ich in München lebe – etwa 90min, von Tür zu Tür sozusagen (in anderen Städten kann das natürlich schneller gehen). Aber dann sitze ich ja noch längst nicht im Flieger! Normalerweise kommt man etwa zwei Stunden vor Abflug, um einzuchecken, möglicherweise sein Gepäck aufzugeben und durch die Sicherheitskontrolle zu kommen. Das heißt, bis zum Abflug bin ich schon einmal 3,5 Stunden unterwegs – eher 4 Stunden, da ich normalerweise noch die halbe Stunde Puffer für etwaige Verzögerungen oder lange Warteschlangen am Flughafen einbaue. Wenn ich innerhalb Europas unterwegs bin, fliege ich etwa ein bis zwei Stunden lang, dann dauert es, bis das Flugzeug parkt und man aussteigen kann, man muss möglicherweise noch auf sein Gepäck warten und wahrscheinlich ein Ticket vom Flughafen in die Stadt kaufen. Das dauert für gewöhnlich auf jeden Fall noch einmal 30 – 60 min und je nachdem, wohin man fliegt, kann auch die Fahrt in die Stadt noch einmal so lange dauern, wo man sich dann erst einmal auf den Weg zum Hotel macht.
Im besten Falle bin ich also fünf bis sechs Stunden unterwegs – wovon ich nur 1,5 Stunden in der Luft war. Den Rest der Zeit verbrachte ich meist mit Warten.

Mit dem Eurostar geht es in weniger als 2,5 Stunden von Paris nach London

Für mich wurde schnell klar: Eine Zugfahrt von bis zu sechs Stunden durch einen Flug zu ersetzen, ist für mich keinerlei Zeitersparnis.
Und selbst bei Zugfahrten, die etwas länger dauern, fahre ich lieber Zug als dass ich fliege – denn ich mag es überhaupt nicht, wie die Stunden an einem Flugtag in viele kleine Portionen zerrissen werden und eigentlich nicht nutzbar sind (aber dazu gleich unten mehr).

Natürlich kann ein Zug Verspätung haben oder ausfallen. Aber seien wir ehrlich: Das kann ein Flugzeug auch. Und zumindest weiß ich beim Zug, dass ich schon einmal in der richtigen Richtung bin und nicht plötzlich in Brüssel festhänge, obwohl ich doch einen Flug nach Madrid gebucht hatte. Und auch mein Gepäck habe ich in solchen Fällen beim Bahnfahren immer bei mir und muss nicht hoffen und bangen, ob meine saubere Unterwäsche gleichzeitig mit mir ankommt. Außerdem zahlt die Bahn ziemlich unkompliziert eine Erstattung, wenn ein Zug ausfällt oder Verspätung hat.

Übrigens ist auch eine Autofahrt nicht immer kürzer, je nachdem, wohin man fährt natürlich. Einen Vergleich, wie sich der Zeitbedarf bei einer Fahrt mit dem Auto in Vergleich mit der Zugfahrt verhält, findet ihr in meinem Artikel über eine Zugreise durch Mitteldeutschland.


Zeitnutzung: Diese Zeit gehört mir

Die Zeitnutzung ist für mich einer der wesentlichen Pluspunkte beim Zugfahren. Wie ich oben ja bereits dargelegt habe, ist die Zeit für einen Flug ziemlich zergliedert. Man hat die Anreise zum Flughafen, dort wartet man auf den Checkin, dann wartet man auf die Sicherheitskontrolle, dann aufs Boarding, dann fliegt man kurz, um dann möglicherweise wieder aufs Gepäck zu warten und zurück in die Stadt zu fahren. Bei einem etwaigen Umstieg kommen noch ein paar Wartezeiten hinzu. Im Endeffekt ist man ebenfalls mehrere Stunden oder gar einen ganzen Tag unterwegs, aber diese lange Zeit ist in Zeitblöcke von 30-60min unterbrochen, die man eigentlich mit ständigem Warten verbringt. Am Ende hat man nichts getan, während man von A nach B unterwegs war.

Wenn ich die gleiche Zeit im Zug verbringe, setze ich mich gemütlich auf meinen Sitzplatz und dort sitze ich für einige Stunden und kann tun, was ich will: Ich kann lesen, Musikhören oder schlafen, essen oder aus dem Fenster schauen, telefonieren, im Internet surfen oder Nachrichten verschicken. Ich kann Getränke mitnehmen, so viel ich will – und auch so viel Gepäck dabei haben, wie ich möchte.
Ich habe ganze Blogartikel im Zug auf der Rückfahrt von einer Reise geschrieben (z.B. den Artikel über die Reste römischer Tempel in den Kirchen Roms, der auf der Rückfahrt aus Rom entstand) und andere Artikel nach SEO-Gesichtspunkten bearbeitet.

Buona notte im Nightjet nach Rom. Ein Buch, ein Bier und dann ein Schläfchen. Am Vormittag sind wir am Tiber.

Eine Bekannte aus Wien fuhr aufgrund eines Lehrauftrags regelmäßig von Wien nach Frankfurt am Main. Ich fragte sie einmal, ob es mit dem Flieger nicht schneller ginge und sie antwortete: Doch, schneller ginge es schon. Aber die Zeit wäre viel weniger produktiv nutzbar, v.a. weil sie ständig den Laptop ausschalten, zuklappen und wegpacken müsse. Im Zug setze sie sich einfach hin, stecke den Laptop ein und arbeite konzentriert für ein paar Stunden und wenn sie ankomme, hätte sie schon wirklich viel geschafft.

Auch im Auto kann man die Zeit, meiner Meinung nach, nicht so gut nutzen, wie im Zug. Als Fahrer kann man natürlich schon gleich gar nicht lesen, schlafen oder arbeiten. Aber auch als Beifahrer sind die Möglichkeiten doch ziemlich eingeschränkt. Mir zumindest wird beim Lesen im Auto ziemlich schnell schlecht. Einen Laptop ausklappen und auf dem Schoß balancierend damit arbeiten – auch eher schwierig. Und beim „Zwischendurch die Beine vertreten“ hat der Zug sowieso die Nase vorne.

Egal, was ich tun möchte: Im Zug kann ich mich gerade bei Langstrecken auf meinem Sitz gemütlich einrichten und tun, was immer ich möchte. Diese Zeit gehört einfach mir.


Günstiger als ein Auto (und Tipps wie man günstig bucht)

Ein häufiges Argument gegen das Bahnfahren sind die Preise. Und ich gebe insofern recht: Wer ganz spontan mit dem Zug weit reisen möchte, muss mitunter ganz schön in die Tasche greifen. Dennoch geht die Rechnung „Mit dem Auto ist es viel billiger“ häufig nicht auf, wie ich in meinem Artikel „10 Jahre autorfrei leben“ schon einmal dargelegt habe: Zu den Kosten eines Autos zählen ja nicht nur die Spritkosten. Christof von einfachbewusst.de hat einmal nachgerechnet, dass ihn sein Auto monatlich 250€ an laufenden Kosten gekostet hatte. Und das völlig unabhängig von der tatsächlichen Nutzung.
Oder wie ich es neulich in einem Interview zum Thema „Autofrei Leben“ sagte: Ich bekomme mehr Miete für meinen vermieteten Garagenplatz, als ich im Monat für mein ÖPNV-Ticket zahle.

Raus ins Grüne! Auf dem Weg von Weyarn zum Taubenberg

Aber zurück zum Bahnreisen. Denn Bahnreisen ist durchaus günstig und preiswert möglich. Dazu muss man nur wissen, wie man am besten bucht:

  • Tipp Nr. 1: Rechtzeitig buchen! Die meisten Tickets können bis zu sechs Monate im Voraus gebucht werden. Gerade wenn man an die Ferienzeiten gebunden ist, empfiehlt es sich also, möglichst früh zu buchen.
  • Eine Bahncard (in Deutschland) bzw. Vorteilscard (in Österreich) anschaffen: Das Geld für diese Karten hat man mit einigen wenigen Fahrten für gewöhnlich wieder hereingeholt. Und damit spart man wirklich viel Geld!
  • Bei internationalen Reisen die Strecke auch mal stückeln und vergleichen: Fast alle Anbieter haben soetwas wie Sparangebote. Wer also z.B. von Deutschland nach Italien, Österreich oder Frankreich fährt, muss nicht die gesamte Wegstrecke bei der DB buchen. Manchmal empfiehlt es sich, auch bei trenitalia, ÖBB oder oui.sncf zu schauen, ob es für die ganze oder Teilstrecken günstige Angebote gibt.
    Am besten nutzt man gleich ein Vergleichsportal wie omio.com. Hier bekommt man verschiedene Optionen aufgeschlüsselt, die sich auch aus Angeboten verschiedener nationaler Bahnbetreiber zusammensetzen, übrigens auch verschiedener Anbieter eines Landes. So werden in Italien nicht nur Verbindungen mit trenitalia, sondern auch mit italo gefunden. Auf diese Art spart man Geld, ohne verschiedene Seiten durchwühlen zu müssen. Man sieht auf einen Blick, welche Möglichkeiten es gibt, auch Verbindungen mit Bussen werden in einem eigenen Tab angezeigt.
  • Azyklisch reisen: Wer nicht an die Hauptferienzeiten gebunden ist, für den empfiehlt es sich, azyklisch zu reisen – also außerhalb der Ferienzeiten. Auch unter der Woche empfiehlt sich azyklisches Reisen. Wer kann, sollte schon am Donnerstag Abend oder Freitag Morgen zu einem Wochenendtrip aufbrechen – oder erst am Monat zurückkehren, statt Freitag und Sonntag Nachmittag zu fahren. Je weniger Leute zu einer Zeit fahren, desto größer ist die Chance auf einen Sparpreis.

Suchanfrage für München-Rom bei Omio.com. Die Ergebnisse lassen sich filtern nach Verkehrsmittel, aber auch nach schnellster oder günstigster Verbindung.
Die hier gezeigte Verbindung fährt mit der Deutschen Bahn und dem privaten italienischen Anbieter italo.


Begegnungen

Das Zugabteil ist wirklich ein ganz besonderes Umfeld. Der Tag, an dem es gänzlich abgeschafft wird, wird ein trauriger Tag sein. Da die Reisenden sich gegenübersitzen, jeweils drei auf einer Seite, mit kaum genügend Platz dazwischen für die Beine, wirkt es allem entgegen, womit wir uns abschotten wollen, den Handys, den MP3-Playern, den Computerbildschirmen. Früher oder später ist man in einem Abteil einfach gezwungen, die Anwesenheit der anderen im Hier und Jetzt anzuerkennen, denn man ist für die Dauer der Reise ganz offensichtlich eine Gruppe.

Tim Parks, Italien in vollen Zügen, S. 268f

Tim Parks hat in seinem Buch „Italien in vollen Zügen“ sehr viel über seine Mitreisenden geschrieben: Über die Lauten genauso wie über die Stillen, mit denen man in tiefster Zufriedenheit ein Abteil teilt und jeder stundenlang in seinem Buch liest. Aber er schrieb auch darüber, wie in einem Eisenbahnabteil Gemeinschaften auf Zeit entstehen.

Mitreisende sind Fluch und Segen zugleich bei einer Bahnfahrt. Oh ja, es gibt schrecklich lästige Mitreisende! Aber dennoch habe ich auch immer wieder ganz wunderbare Gespräche bei meinen Reisen geführt.
Wäre ich nicht mit der Bahn gefahren, hätte ich nie von der Frisbee-Meisterschaft im Veneto erfahren, an der mein Mitreisender gerade eben erst teilgenommen hatte.
Ich hätte nie die ältere Dame getroffen, die mir im Regionalzug von ihrem Fahrradreisen erzählte: Als sie mit einer Freundin mit dem Fahrrad über die Alpen gefahren ist und unterwegs in Heustadeln und Friedhofskapellen übernachtet hat. Die Schwedin, die mit dem Zug von Stockholm nach Rom fuhr, um für ein paar Tage ihren Sohn zu besuchen, der dort ein Auslandsjahr verbrachte.
Oder den Mann, der spontan alleine in die Toskana gefahren war und mit dem ich mich stundenlang im Zug zurück über unsere Urlaube unterhielt.

Und wenn es niemandem zum Reden gibt oder man dazu keine Lust hat: Dann schaut man aus dem Fenster

Besonders gerne denke ich an die Fahrten zurück, wenn ich aus Wien für Weihnachten nach Hause nach Bamberg fuhr. Jeder war gut drauf. Es herrschte eine „Driving home for Christmas“-Stimmung. Die Züge waren ausgebucht, aber alle voller Vorfreude. Bepackt mit Plätzchen, Lebkuchen, Mandarinen und Tee kamen wir eigentlich immer ins Gespräch und auf der etwa fünfstündigen Fahrt von Wien bis Nürnberg hat sich jedes Jahr aufs Neue zwischen wildfremden Menschen ein Gemeinschaftsgefühlt eingestellt. Wir erzählten uns, was wir arbeiteten, wie lange wir schon in Wien lebten, wo die Eltern wohnten und teilten unsere Weihnachtsleckereien immer miteinander. Jedes Jahr freute ich mich auf diese Fahrt und heute bin ich tatsächlich etwas traurig, dass ich von München aus keine zwei Stunden nach Bamberg brauche.


Immer was zu erzählen

Und wenn die Mitreisenden einmal nicht so freundlich sind, sondern einem auf die Nerven gehen, so gibt das doch immer eine gute Geschichte! Wenn ich nur an all die verplanten amerikanischen Touristen mit ihren riesigen Koffern in der Circumvesuviana zwischen Neapel und Sorrent denke, denen ich erst einmal erklären musste, wie das mit dem Zugfahren überhaupt funktioniert (und warum man seinen Koffer nicht vor der Tür abstellen sollte).
Die singende Oma, die für zwei Stunden einen kompletten Großraumwagen beschallte – oder noch schlimmer: Der betrunkene Gesangsverein! Zwei Drittel des Wagens waren voll singender Menschen mittleren Alters, das dritte Drittel des Wagens hat dadurch seine eigene Gruppendynamik entwickelt. Ein seltenes, sehr tiefes Verbundenheitsgefühl mit fremden Menschen.

Und natürlich bleibt man als Vielfahrerin auch nicht von den absurdesten Verspätungen und Zugausfällen verschont. Aber wenige Geschichten lassen sich hinterher so gut erzählen, wie die vom „Infoschalter“ am Bahnhof in Bologna, wo mitten in der Bahnhofshalle eine arme Frau mit einem Laptop an einem Klapptisch (!) saß und versuchte, einer Horde schimpfender Italiener Herr zu werden…
Oder als uns in Ceske Velenice der Anschlusszug wegfuhr und wir zwei Stunden an einem Grenzbahnhof damit verbrachten, tschechisches Bier von der Tankstelle zu trinken und Smartphone-Videos mit dramatischer Hintergrundmusik zu drehen.

Ja, in den Fällen, in denen die Bahnfahrt selbst eine kleine Katastrophe ist, hat man immerhin hinterher die besten Geschichten zu erzählen.

Warten auf den Anschlusszug in Ceske Velenice.

Und ihr? Warum fahrt ihr gerne mit dem Zug? Verratet es mir in den Kommentaren.

Offenlegung: Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem Buchungs- und Vergleichsportal Omio.com

Weiterlesen: meine Bahnreisen

Morgenstimmung im Nightjet nach Italien

2 Gedanken zu “Warum ich gerne Bahn fahre: 6 Gründe

  1. Hallo Ilona,
    ich bin zwar auch ein ausgesprochener Bahnreisefreund, aber seit wir Kinder haben sind Bahnfahrten leider zu einer Seltenheit geworden. Immerhin reisen wir weiterhin vom Flughafen bis zum Dorf meiner Eltern mit der Bahn und genießen diese 2,5 Stunden, am liebsten natürlich im Abteil, aber das war es dann auch schon. Spätestens seit 4-5 Jahren gefällt uns das Fliegen oder Verreisen mit dem Auto nicht mehr so, wie früher, wo wir uns über den ökologischen Fußabdruck der Fortbewegung noch kaum Sorgen gemacht haben, daher habe ich auch öfter wieder an die schönen Reisen mit der Bahn zurück gedacht, die vielen Interrailabenteuer, die jeden Sommer meiner Jugend ausfüllten, oder Zugreisen bis nach Odessa, wo der Zug für ein paar Tage zur Heimat wird. Besonders gerne denke ich auch an all die Nachtzugreisen zurück, wenn sie nicht mit einem zu frühen Aufwecken enden. Von München nach Süditalien ist natürlich ein Klassiker und wäre wohl auch meine erste Wahl. Gerade habe ich auch mal wieder geschaut, ob ich eine Verbindung von Göttingen nach Lissabon finden würde, denn diese Strecke fliegen wir mehrmals im Jahr, aber leider ist das nur mit erheblichem Recherche-Aufwand möglich, oder kennst Du einen Dienst, wo wir hier schnell fündig werden würden? Die Reiselänge ist mit Kindern vermutlich auch etwas zu lang, aber einmal würde ich das zumindest gerne ausprobieren wollen. Trotz alledem hat mich Dein Artikel sehr motiviert, diese Reiseform mal wieder ausgiebig zu nutzen, wenigstens innerhalb der Landesgrenzen Deutschlands oder Portugals. Herzlichen Dank dafür, Jens

    • Ich danke Dir für deinen Kommentar, Jens. Verzeih, dass ich ihn erst jetzt freigeschaltet habe. Ich war vor und über Weihnachten gesundheitlich recht angeschlagen und eigentlich nicht online. Ich freue mich jedenfalls, wenn ich nicht nur alte Erinnerungen habe aufleben sondern auch neue Ideen und Motivation aufkommen lassen konnte.
      Klar, mit Kindern ist das noch mal ein anderer Aufwand und auch sind manche Strecken besser angeschlossen als andere.
      Ich weiß, dass es von Südfrankreich nach Portugal einen Nachtzug gibt. Der scheint aber recht lange zu brauchen.
      Es gibt ein Reisebüro, auf das viele Zugreisende schwören bei komplizierteren Anfragen, nämlich „Gleisnost“ (https://www.gleisnost.de/) – ich selbst habe es noch nicht genutzt. Vielleicht ist das ja aber eine Hilfe?

      LG, Ilona

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