Cimitero Monumentale in Mailand: die Schönheit der Vergänglichkeit

Es war ein regnerischer Tag, als ich meinen Ausflug nach Mailand unternahm. Ich war für eine Woche am Comer See und das Wetter wollte und wollte über Tage hinweg nicht besser werden. Eine Freundin hatte mir vorher ans Herz gelegt, unbedingt den Cimitero Monumentale in Mailand zu besuchen – also den Monumentalfriedhof von Mailand. Der sei – Zitat – „der Wahnsinn“!

Ich mochte Friedhöfe schon immer und grau-nasses Regenwetter bot sich für einen Besuch in der Stadt besser an als für einen Trip über den Lago di Como. Und schließlich passte die etwas novemberhafte Stimmung (auch wenn es März war) ganz gut für einen Fotospaziergang über den Cimitero Monumentale in Mailand.

Was soll ich sagen? Trotz des ungemütlichen Wetters spazierte ich für Stunden über den Monumentalfriedhof in Mailand, der seinen Namen wirklich verdient hat. Unzählige Foto sind auf diesem Spaziergang entstanden, von denen ich euch eine Auswahl hier präsentieren möchte.

Was ihr hier weniger zu sehen bekommt, sind „erklärende“ Fotografien, also etwa solche, die den Aufbau des Friedhofes erläutern oder einzelne Gebäude darstellen. Hier geht es wirklich um Fotografien, die die Stimmung des Friedhofes – so wie ich ihn auf meinem verregneten Spaziergang erlebt habe – einfangen. Sie sollen die wunderbaren Grabskulpturen zeigen, die bewegenden und berührenden Darstellungen auf den Gräbern.

Ein neuer Friedhof für Mailand: Der Cimitero Monumentale

Der Cimitero Monumentale in Mailand wurde 1866 eröffnet. Damit ersetzte er die bis dahin existierenden kleineren Friedhöfe, die außerhalb der früheren Stadttore existierten. Bis ins 19. Jahrhundert wurden auf solchen Friedhöfen diejenigen begraben, deren Familien es sich nicht leisten konnten, ihre Verstorbenen in den Kirchen bestatten zu lassen.

Die zahlreichen kleinen Friedhöfe in den Städten, rund um die Kirchen und unweit der Wohngebiete waren seit jeher ein gesundheitliches Problem. Kaiser Joseph II. hatte sich schon im späten 18. Jahrhundert um die Verbannung der Friedhöfe aus den Städten bemüht, auch um das Grundwasser vor Verunreinigung zu schützen. Mailand hatte damals noch zum habsburgisch regierten Österreich gehört, bis es 1859 an das Haus Sardinien-Piemont unter Vittorio Emmanuele II. fiel – und damit auch später Teil des neuen Königreichs Italien wurde.
Wie auch in Wien wurden in Mailand damals Friedhöfe direkt außerhalb der Stadtgrenzen angelegt, um die Toten außerhalb der Städte bestatten zu können. In Mailand waren das die Friedhöfe

  • Cimitero di San Rocco al Vigentino (1783-1826)
  • Cimitero di San Gregorio (1787-1883)
  • Cimitero del Gentilino (1787-1895)

Die Daten der Eröffnung dieser Friedhöfe decken sich ziemlich genau mit der Eröffnung der von Joseph II. angelegten „comunalen Friedhöfe“ in Wien ab 1784.

Zudem gab es in Mailand auch noch ältere Friedhöfe, die schon seit dem 16. oder 17. Jahrhundert in Gebrauch waren und noch im frühen 19. Jahrhundert kam mit dem cimitero di Porta Vittoria ein weiterer Friedhof hinzu. Aufgrund des zunehmenden Bevölkerungswachstums in den Städten genügten die kleinen Friedhöfe bald nicht mehr.

Das Unternehmen, im 19. Jahrhundert die kleinen Friedhöfe in den Städten aufzulösen und durch große, zentrale Anlagen zu ersetzen, lässt sich nicht nur hier in Mailand beobachten. Weitere prominente Beispiele dieser Entwicklung sind zum Beispiel auch der Zentralfriedhof in Wien (eröffnet 1874), der Friedhof Père Lachaise in Paris (bereits 1804 eröffnet), der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg (eröffnet 1877) oder auch der Brookwood Cemetery bei London (eröffnet 1852).

Die Anlage des Cimitero Monumentale Mailand

1866 wurde der Mailänder Monumentalfriedhof schließlich eröffnet. Architekt war Carlo Maciachini (1818–1899), der auch auf dem Friedhof begraben liegt.

Der Ausdruck „Monumentale“ kommt nicht von ungefähr. Seit seiner Eröffnung wurde der Friedhof mehrfach erweitert und hat heute eine Fläche von etwa 250 000 qm.
Die Anlage ist symmetrisch (mit heute kleineren Abweichungen an den Rändern). Man betritt die Anlage im Südosten an der Piazza Cimitero Monumentale, die alleine etwa 5000qm umfasst.

Der eigenliche Friedhof ist von der Piazza durch eine Gebäudeanlage getrennt. Maciachini stellte in die Mitte den sogenannten Famedio, einen Ruhmestempel für bedeutende Italiener. Hier ruht z.B. Manzoni, einer der großen italienischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der – trotz Goethes höchstpersönlichem großen Interesse an Manzonis Werk – in Deutschland weit weniger bekannt ist als südlich der Alpen.
Rechts und links an den Famedio schließen sich Seitenflügel mit offenen Portiken an, die sogenannten „Gallerie“. In denen sich schon eine große Menge an wundervollen Skulpturen befinden. Alleine hier durch die Hallen zu wandeln, ist wie der Besuch in einem gigantischen Museum. Die Spannweite dieser Seitenflügel beträgt insgesamt etwa 250m.

Hier einige Bilder aus den Gallerie:

Vom Famedio aus führt die Hauptachse des Friedhofs 500m nach Nordwesten, wo sie im Tempio Crematorio endet. Auf der Hauptachse selbst befinden sich sonst nur zwei Bauwerke: Zum einen das Ossario Centrale – das ursprünglich als katholische Kapelle errichtet wurde, aber seit 1930 als Beinhaus dient. Zum anderen die Necropoli. Das Wort Necropoli (also Nekropole) kommt aus dem Griechischen und meint eigentlich eine Totenstadt. Dieser Ort mitten im Zentrum des Mailänder Monumentalfriedhofs fällt von der Gestaltung aus den anderen Friedhofsteilen (den „Riparti“) heraus, da die sich kreuzenden Straßen nicht senkrecht aufeinandertreffen. Die Necropoli besteht aus konzentrischen Achtecken. Hier ließen sich die großen Familien der Stadt Mailand ihre Familiengruften errichten.

Rechts und links an die Hauptachse schließen sich zahlreiche weitere Sektionen an. Neben dem Gebäudekomplex aus Famedio und Gallerie schließen sich zudem auch der Friedhof für die „Acattolici“ (also für die nicht-katholischen Christen) an sowie der Friedhof für die „Israeliti“ (also der jüdische Friedhof) an.

Ich achtete bei meinem Besuch bei Weitem nicht auf die Anlage des Friedhofs, auf die Tatsache, dass er achsensymmetrisch ist oder wo welche berühmte Familie begraben lag. Ich ging in keiner Weise systematisch vor oder mit einem Plan. Ich ließ mich treiben. Ich ging von einem Grab zum anderen und ständig entdeckte ich eine Grabskulptur, die noch kunstvoller wirkte, die mich noch mehr berührte.

Man weiß nicht, wo man zuerst beginnen, wo man aufhören soll zu schauen und zu staunen. Viele Grabmale sind einfach nur wunderschön. Manche sind auch verstörend. Manche lassen einen fragend zurück. Aber fast alle diese Grabkunstwerke sind sehr bewegend. Und häufig fragte ich mich, welche Geschichte wohl hinter den jeweiligen Skulpturen stecken mochte. Wer waren die hier dargestellten Personen? In welchem Verhältnis standen sie zueinander? Und waren sie für die Zeitgenossen erkennbar? Oder sollten sie nur eine symbolische Bedeutung haben?

Schönheit mit Schmerz, Trauer und Verzweiflung in Stein gebannt. Aber genauso Hoffnung auf ein Leben danach und vielleicht sogar ein Wiedersehen im Jenseints. Die Liebe für die Verstorbenen scheint bei so vielen dieser Grabmäler offensichtlich. Aber ebenso ist eindeutig, dass auch das Bewusstsein groß war für das Ansehen der eigenen Familie, die hier repräsentiert wurde. Repräsentation bis über den Tod hinaus. Eine uralte Geschichte. So alt wie die Menshheit wahrscheinlich. Wenn man da nur an Totenstädte wie in Ägypten oder – näher gelegen – wie in Cerveteri oder Tarquinia im Latium denkt.
Dagegen wirken die Grabmale des 19. Jahrhunderts fast schon intim, persönlich. Ja, oft sind wirklich intime Situationen dargestellt und man fühlt sich dabei wie ein Beobachter, der das Ganze eigentlich gar nicht sehen sollte. Eigentlich eine faszinierende Sache, schließlich wurden diese Grabmale geschaffen, um gesehen zu werden. 

Eines der Grabmale, bei denen ich lange überlegte. Sie schauen sich an wie ein Liebespaar. Er ist allerdings ein Engel. Empfängt er sie im Paradies? Hat er sie erwartet? Hat sie sich auf ihn gefreut? So viele Rätsel in diesem Bild.

 

Auch diese Skulptur ließ mich grübeln. Wer sind die Dargestellten? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Die Frau wirkt älter als der junge Mann. Sind es Mutter und Sohn? Betrauern sie hier jemanden gemeinsam? Oder nimmt einer von beiden vom anderen Abschied?

 

Bei diesem Bild fühlte man sich wie ein Voyeur, der hier eine Szene beobachtet, die er eigentlich nicht hätte beobachten sollen, bei der er eigentlich verschämt hätte zur Seite schauen sollen.

Berühmte Personen, die auf dem Cimitero Monumentale in Mailand begraben wurden

Ich gestehe, dass ich bei meinem Besuch auf dem Cimitero Monumentale nicht so oft wie angewurzelt stehen blieb und mir dachte: „Ach HIER liegt der begraben!“ – wie etwa auf Père Lachaise in Paris.
Dennoch sind natürlich auch hier einige große Namen zu finden, auch wenn viele davon im deutschsprachigen Raum weniger bekannt sein mögen.

Zum Beispiel:

  • Sergio Bonelli (1932–2011), Comicautor und Verleger
  • Familie Campari (ja, die mit dem Bitter!)
  • Hermann Einstein (1847–1902), Unternehmer und Vater von Albert Einstein
  • Vladimir Horowitz (1903–1989), Pianist
  • Carl Thomas Mozart (1784–1858), Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart

Nütliche Informationen für euren Besuch auf dem Cimitero Monumentale in Mailand

Es wird dringend darum gebeten, den Friedhof nicht als Sehenswürdigkeit zu betrachten, sondern sich seiner Funktion bei einem Besuch bewusst zu sein und sich entsprechend zu verhalten: Kein Rennen, Schreien, laute Musik oder lautes Telefonieren. Und auch um entsprechende, bedeckende Kleidung wird gebeten.

Geöffnet ist der Friedhof Dienstag bis Sonntag von 8 bis 18 Uhr. Der letzte Einlass erfolgt eine halbe Stunde vor Schließung.
An Montagen, die keine Feiertage sind, ist der Friedhof für Besucher geschlossen.

An Feiertagen (1. Januar, Ostersonntag und Ostermontag, 1. Mai, 2. Juni, 15. August, 8., 25. und 26. Dezember) ist der Friedhof von 8 bis 13 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen bekommt man auch auf der Homepage des Monumentalfriedhof. 
Wer möchte, kann dort auch die Termine von geführten Touren finden, die regelmäßig auf dem Friedhof stattfinden.

Zudem gibt es in dieser Broschüre eine empfohlene Route für einen Rundgang über den Friedhof.

Weitere Bilder von meinem Spaziergang über den Mailänder Monumentalfriedhof

Schon so lange hatte ich diesen Beitrag überarbeiten wollen. Bisher bestand er nur aus Bildern und einem Gedicht über die Vergänglichkeit des Seins.
Ich mochte die Bilder, die damals an diesem regnerischen Tag in Mailand entstanden sind, immer. Sie anzublicken bewegt mich bis heute, fast so wie es mich damals bewegte, die Grabmale zu sehen und fotografieren zu können. Deshalb wollte ich nicht, dass diese – wie ich finde – schönen Fotos vom Cimitero Monumentale in den Weiten des Internets verborgen blieben und dass jemand, der Informationen über diesen wunderschönen Friedhof sucht, zum einen diese Bilder nicht finden konnte – und zum anderen (sollte er sich doch hierher verirren) hier keine Informationen für seinen Besuch erhielte.
Deshalb habe ich nun endlich die Gelegenheit ergriffen, um diesen Beitrag zu überarbeiten und ihn neben schönen, stimmungsvollen Fotos auch mit Informationen über den wunderbaren Monumentalfriedhof zu versehen.

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12 Gedanken zu “Cimitero Monumentale in Mailand: die Schönheit der Vergänglichkeit

  1. Wow! Tolle, stimmungsvolle Fotos! Ich gehe auch gerne über Friedhöfe. aber ich hab noch nie so viele Fotos dort gemacht. Das werde ich das nächste Mal wohl anders sehen.
    LG
    Ulrike

    • Ich bin vor vielen Jahren mal auf das Buch von Isolde Ohlbaum gestoßen – großartige Fotografien von Friedhöfen. Danach habe ich auch angefangen, mit anderem Blick über Friedhöfe zu gehen. Im Laufe der Jahre wurde meine Friedhofsfotografie auch immer besser 😀 Es braucht ein bisschen Training, habe ich festgestellt. (Und natürlich auch einen tollen Friedhof…)

  2. Pingback: Blogbummel Oktober 2016 – Teil 2 – buchpost

  3. Als professioneller Maler und Photograph würde ich gerne ein Buch/Kalender/Ausstellung über den Cimitero Monumentale in Mailand erstellen und suche eine Möglichkeit in Begleitung einer deutschsprachigen Begleitung /Reise o.ä. Für einige Tage dort zu bleiben. Bei Interesse bitte melden.

  4. Romantisches Mailand ! Selbst der Friedhof atmet Kunst !

    „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
    Bist alsobald und fort und fort gediehen
    Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
    So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
    Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
    Geprägte Form, die lebend sich entwickelt..“

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