Mariabrunn: Ein vergessenes Heilbad bei München

Acht Kilometer nördlich von Dachau, gut versteckt im Wald liegt der kleine Wallfahrtsort Mariabrunn.
Heute ist er eher bekannt für die nebenan liegende Wirtschaft mit dem schönen Biergarten. Ab und an kommen auch noch ein paar Wallfahrer.
Nichts aber lässt vermuten, dass sich hier bis vor 150 Jahren Fürsten und Kaiser aus ganz Europa kurieren ließen. Denn die namensgebende Quelle galt als heilkräftig – nicht nur im spirituellen Sinne, wie viele bei Wallfahrtskirchen befindliche Quellen, sondern auch im medizinischen.

Ansicht von Mariabrunn vom Eingang der Kirche aus. In der Mitte – mit Efeu überwuchert – die namensgebende Quelle

Nachdem mir kürzlich das Buch „Heilige Quellen zwischen Donau, Lech und Salzach“ von Heidemarie und Peter Strauss in die Hände fiel und ich feststellte, dass sich einige davon gut von München aus erreichen und erwandern lassen, würde ich gerne eine kleine, unregelmäßig erscheinende Blogreihe daraus machen.

Mehr über das Phänomen der Heiligen Quellen und allgemein naturmagischer und naturreligiöser Phänomene an Wallfahrtsorten, könnt ihr in meinen Artikel über Maria Klobenstein nachlesen.

Ursprung von Mariabrunn

Im Juli 1662 hackte der Holzhauer Stephan Schlairböck im sogenannten „Gerichtsschlag“ Holz. Als er durstig war, trank er von einer kleinen Quelle, die er dort entdeckte – und kaum hatte er von diesem Wasser getrunken, da fiel ihm seine „Bruchbinde“ ab, die er trug, da er seit 18 Jahren an einem Bruchleiden gelitten hatte.  Unter einem Bruchleiden oder „Leibsschaden“, wie es in den alten Quellen oft hieß, versteht man den „Austritt („Durchbruch“, „Durchbrechen“) von Eingeweiden aus der Bauchhöhle (als Eingeweidebruch) (…) durch eine angeborene oder erworbene Lücke (Bruchpforte) in den tragenden oder begrenzenden Gewebeschichten.“ (Wikipedia)
Er dachte sich nichts dabei und erneuerte die Binde zu Hause wieder.
Als er am nächsten Tag wieder während der Arbeit von diesem Wasser trank, fiel sie ihm  allerdings erneut ab. Dabei bemerkte er, dass sein „Leibsschaden“ sich verkleinert hatte und die Schmerzen vergingen, „worüber er niederknyend um die empfangene Gnad GOTT dem Allmächtigen und seiner werthen Mutter schuldigen Danck gesagt“ (Strauss, S. 117f.)

Die Heilung sprach sich bald herum, v.a. da in diesem Waldstück bisher keine Quelle bekannt gewesen war. Wie so oft stand am Beginn einer Wallfahrt ein Zulauf von ‚Volk‘, ein „concursus populi“, das in einer Mischung aus Neugierde und mitunter auch Verzweiflung ob der eigenen Leiden den wundersamen Ort aufsuchte, bevor es zu einer speziellen Förderung durch einen Adligen, ein Kloster oder einen Priester kam.

Mariabrunn, wie es genannt wurde, erfuhr diese Förderung schon sehr früh, v.a. durch Georg Teissinger (Dachauer Landpfleger von 1663 – 1670), der die Quelle fassen und einen Wasserbehälter anlegen ließ und die etwas oberhalb davon errichtete Kirche „Zu Ehre unserer Lieben Frau“ errichtete. Schon damals entstand auch ein „Badhaus“, in dem Heilsuchende unterkommen konnten.

Die große Zeit des „Heilbads“ Mariabrunn

Früh schon hatten sich also auch Angehörige der oberen Schichten für Mariabrunn interessiert. Der Kurfürstliche Leibmedicus hatte schon 1674 ein „Tractätlein“ über die Quelle geschrieben und die Heilwirkung des Wassers mit dem damals sehr berühmten Bad Adelholzen verglichen (das heute eher für Mineralwasser denn für Heilkuren bekannt ist). Dennoch geriet Mariabrunn als Heilbad offenbar erst einmal etwas in Vergessenheit.
Die große Zeit  kam erst im 19. Jahrhundert.  1808 und 1809 schickte König Max von Bayern seine Tochter Elise Ludovika – später Königin von Preußen – zur Heilung nach Mariabrunn, die dort auch wirklich gesund wurde. Ihre Krücken sind heute noch in der Kirche zu sehen.

Ab 1863 gehörte der Besitz dem Ehepaar Hohenester und Amalie Hohenester machte als „Doktorbäuerin“ eine steile Karriere. Zar Alexander II. und Kaiserin Elisabeth von Österreich gehörten unter anderem zu ihren berühmten Patienten.
Die Doktorbäuerin diagnostizierte die Patienten und kurierte sie dann auch mit Kräutern, Fastenkuren und natürlich dem Heilwasser. Wobei man ihre Heilerfolge – gerade bei psychisch angeschlagenen Patienten – auch ihrer „stark ausgeprägte[n] suggestive[n] Kraft und ihre[r] eindrucksvolle[n] Aura“ (Breitling, Infoblatt) zuschrieb.
Wenig überraschend wurde die erfolgreiche Geschäftsfrau gerade von Ärzten kritisch beobachtet und als „Kurpfuscherin“ – man warf ihr also, nicht zu Unrecht, vor, ärztlich tätig zu sein ohne die entsprechende Ausbildung zu haben. Ihre Heilungen sprachen sich aber schnell herum und ihr Erfolg hielt, allen üblen Nachreden zum Trotz, an.
Nach dem Tod der Doktorbäuerin 1878 schwand auch zunehmend die Bedeutung Mariabrunns.
Mehr über diese schillernde Geschäftsfrau und Wunderheilerin kann man hier und hier nachlesen.

Mariabrunn heute

Bei meinem Besuch musste ich erst ein bisschen suchen, um die etwas verlassen dastehende Quellfassung mit Handpumpe zu entdecken. Die meisten Menschen gehen schnurstracks daran vorbei, werfen vielleicht einen Blick in die hübsche kleine Kirche, in der heute noch zahlreiche Votivtafeln hängen – die man leider nicht von nahem betrachten kann – und lassen sich dann gleich im schönen schattigen Biergarten nieder.

Der Biergarten in Mariabrunn. Am Freitagmittag war da natürlich noch nicht viel los

Ich war natürlich neugierig und musste das Wasser probieren. Es schmeckte sehr metallisch. Ob das jetzt auf die alten Leitungen oder die Inhaltsstoffe zurückzuführen ist, kann ich allerdings nicht sagen. Bei einer Wasseranalyse von 1790 wurden folgende Inhaltsstoffe angegeben:  Kalkerde, Erdsalz, Ockererde mit Eisengehalt. 1852 nannte man „Kohlenstoffsäure, kohlensaure Soda, kohlensaure und salzsaure Kalk- und Talkerde, kohlensaures Eisen“ und betonte, das Wasser würde „in Nieren-, Blasen- und Harnkrankheiten mit Erfolg gebraucht.“ (Quelle) Eine moderne Analyse des Wassers habe ich leider nicht auftreiben können. Es würde mich doch interessieren, ob das Wasser auch nach modernen wissenschaftlichen Maßstäben als heilkräftig oder doch zumindest gesundheitsfördernd gilt.

Die Kirche kann man leider nur am Eingang betreten und durch ein Gitter betrachten. Offenbar wurden schon einige der ehemals 350 Votivbilder gestohlen. (Strauss, S. 120) Schade… ich hätte mir die verbliebenen Votivbilder gerne aus der Nähe angeschaut.

Bis 2001 gab es in Mariabrunn auch noch eine eigene Brauerei, die aber „auflagenbedingt[…] (Abwasserproblematik)“ geschlossen werden musste. Heute ist dort eine Schnapsbrennerei untergebracht, in der der „Mariabrunner Rachenputzer“ gebrannt wird.

Der Biergarten hat von April bis September täglich bei schönem Wetter geöffnet. Ob er geöffnet hat oder nicht, sieht man auf der Homepage.

Die Öffnungszeiten des Restaurants findet ihr hier.

Anreise und Routenvorschlag für Wanderer und Radfahrer

Mariabrunn ist nicht direkt öffentlich erreichbar, aber von den S-Bahnstationen (S2 Richtung Petershausen) Hebertshausen und Röhrmoos fußläufig erreichbar.
Ich selbst stieg in Hebertshausen aus und wanderte im wahrsten Worte querfeldein die fünf Kilometer bis Mariabrunn.
Der Weg führt wirklich durch die Felder und ist sehr sonnig, allerdings auch sehr flach. Höhenmeter werden auf dieser Tour nicht gesammelt.

auf dem Weg nach Mariabrunn – sonnig und flach geht es dahin

Kurz vor Mariabrunn gibt es bei den drei alten Linden (von denen eine offenbar kürzlich einem Sturm zum Opfer fiel) einen Aussichtspunkt. Dort kann man auf einer Bank rasten und den Blick auf die Skyline von München genießen. Nun gut, besonders malerisch im klassischen Sinne ist die Skyline von München nicht, aber es ist dennoch irgendwie eindrucksvoll. An föhnigen Tagen kann man angeblich auch die Berge gut erkennen.

Blick auf München

Für manche sicher ein Ärgernis, für andere eher spannend zu beobachten: Die Strecke liegt in der Einflugschneise des nicht weitentfernt gelegenen Münchner Flughafens. Wer gerne Flugzeuge beobachtet, ist bei dieser Wanderung also genau richtig. Trotzdem ist die ganze Tour sehr ruhig, da so gut wie kein Verkehr ist.

Nach meinem Besuch in Mariabrunn wandte ich mich zum nur zwei Kilometer entfernten Ampermoching, wo ich am Ortsende nach Überquerung einer Brücke auf dem Ammer-Amper-Radweg (Kennzeichnung AAR) weiterwanderte. Von dort sind es nur 18,5km nach München-Pasing. Es ist also auch sehr gut möglich, von München aus mit dem Fahrrad nach Mariabrunn zu fahren.
Ich folgte dem Radweg bis zu einer Kreuzung: Rechts ging es zur S-Bahn-Station Hebertshausen. Wer keine Lust mehr hat, kann hier also die Wanderung beenden.
Der Radweg führt nach links, ich allerdings schlug den Weg gerade aus, am Sportverein vorbei, ein zur Würmmündung. Über den Fluss Würm habe ich bereits einmal geschrieben. Da ich nicht weit davon entfernt lebe und arbeite, kenne ich ihn gut, zumindest streckenweise.

Ab nun kann man auf kleinen Fußwegen immer an der Amper entlang bis nach Dachau gehen. Dort ist es entweder möglich, direkt an den Gleisen nach rechts über eine Brücke zur S-Bahn-Station zu gelangen, oder aber man folgt der Amper noch ein Stück weiter bis zur Martin-Huber-Straße und geht dort nach rechts und erreicht so über die anschließende Martin-Huber-Treppe die Altstadt. Ein lohnenswerter Abschluss der etwa 18 km langen Wanderung, die man hier natürlich auch noch mit einem Abendessen beschließen kann.

Kirche St. Jakob in Dachau

Schloss Dachau – Blick aus dem Hofgarten


Quellen: 

  • Mariabrunn. Wallfahrtskirche „Zur Ehre unserer Lieben Frau“ Mariä Verkündigung, hrsg. von der Familie Breitling. Das Faltblatt ist in der Wirtschaft und im Biergarten zu erwerben.
  • Strauss, Heidemarie und Peter: Heilige Quellen zwischen Donau, Lech und Salzach, Hugendubel Verl., München 1987.
  • Eine sehr ausführliche Beschreibung findet man auch auf Kirchenundkapellen.de 

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade „Ausflugsziele fürs Wochenende“ teil.

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