Der Findling von St. Wolfgang bei Altenmarkt/Alz: Ein „Schlupfstein“ im Chiemgau

Kaum hatte ich von St. Wolfgang zu Berg bei Altenmarkt an der Alz gelesen, wollte ich unbedingt dorthin. In dieser Kirche befindet sich ein großer Findling mit eigenartigen Vertiefungen mitten im Langhaus der mittelalterlichen Kirche. Er ist richtig in den Boden des Gotteshauses eingebaut. Ein vorchristlicher Kultort gilt als wahrscheinlich. Es gab aber bisher keinerlei archäologische Untersuchungen des Geländes.

Kraftort in Bayern: Schlupfstein St. Wolfgang Altenmarkt

St. Wolfgang – der Hauptort seiner Verehrung liegt in St. Wolfgang am Wolfgangsee in Österreich – war ein sehr populärer Heiliger. In zahlreichen Legenden über ihn spielte das Finden (bzw. Erwecken) einer Quelle und das Hinterlassen von Eindrücken in einem Fels eine wichtige Rolle. Entlang der Pilgerrouten zu seinem Hauptkultort am Wolfgangsee entstanden weitere Wolfgangskirchen, die z.T. selbst Wallfahrtsorte wurden und die häufig die Legende des Vorbilds spiegeln: Nicht selten gibt es dort Quell- oder Steinkulte.

Kraftort in Bayern: Kirche St. Wolfgang

St. Wolfgang in Berg bei Altenmarkt/Alz

Wer war St. Wolfgang?

Um 924 geboren wurde Wolfgang erst auf der Reichenau, dann in Würzburg unterrichtet, war schließlich in Trier und trat dann als Benediktinermönch ins Kloster Einsiedeln ein. 968 vom Bischof von Augsburg zum Priester geweiht, zog er als Missionar durch das Gebiet Noricum (ein Gebiet, dass sich ab Donau und Inn nach Südosten erstreckte bis ins heutige Niederösterreich). Er war dabei so erfolgreich, dass er als Bischof von Augsburg vorgeschlagen wurde und obwohl Kaiser Otto I. und auch andere Mächtige des Reiches dem einfachen Mönch dies nicht zutrauten, konnte er sie letztendlich überzeugen – der Legende nach, indem er einen von ihnen heilte.

Darstellung des Hl. Wolfgang in der Kirche St. Wolfgang bei Altenmarkt/Alz

Der Bayernherzog Heinrich der Zänker vertraute ihm schließlich die Erziehung seiner Kinder an – darunter der spätere Heinrich II., der als Gründer des Bistums Bamberg selbst heiliggesprochen wurde.

Aufgrund von politischen Wirren im Reich, aus denen er sich heraushalten wollte, setzte sich Wolfgang an den Abersee ab. Den Abersee kennt man heute besser unter einem anderen Namen: Wolfgangsee. Naheliegenderweise hieß er damals noch nicht so. Hier lebte er für eine Weile als Einsiedler in einer Höhle, wo ihn der Teufel immer wieder versuchte. An dieser Stelle ließ er später auch eine Quelle entspringen. Heute steht hier die Wallfahrtskirche Falkenstein.

Szenen aus dem Leben des Hl. Wolfgang: Er wirft die Axt ins Tal und baut mit Hilfe des Teufels die Kirche.
Darüber stehe ich und recherchiere knallhart

Eine andere Sage erzählt, wie Wolfgang vor dem Teufel floh, als sich auf einmal ein Felsen vor ihm gespalten habe. Wolfgang konnte durchschlüpfen, der Teufel nicht.
Dieser enge Durchschlupf befindet sich in der Kirchen Falkenstein und wurde von den Pilgern wohl über Jahrhunderte hinweg kultisch genutzt, wobei man „ungeschaut und ungeschrien“ – also ohne zu sprechen oder sich umzudrehen – hindurchkriechen musste (wie auch beim Matterhörndl bei Wien).

St. Wolfgang wird mit einer Axt dargestellt. Von seiner Einsiedelei warf er eines Tages seine Axt ins Tal und gelobte, dort eine Kirche zu gründen, wo er sie wieder finden würde. Da sich der Bau schwierig gestaltete, bot der Teufel seine Hilfe an. Die Bedingung: Das erste Lebewesen, das die Kirche betrete, solle ihm gehören. Wolfgang gelang es, den Teufel zu überlisten: Das erste Lebewesen, das die Kirche betrat war ein Wolf und der Teufel verschwand wütend durch ein Loch in der Decke. Bei der Kirche handelte es sich um St. Wolfgang in St. Wolfgang am Wolfgangsee.

Letztendlich entdeckte ihn eine Gesandtschaft aus Regensburg und bat ihn, seinen Bischofsposten wieder einzunehmen. Er willigte ein, starb aber auf der Rückreise 994 in Pupping in Oberösterreich.

Weiterlesen:

Kurze Geschichte der Kirche St. Wolfgang in Altenmarkt/Alz

Von wann stammt die Kirche St. Wolfgang in Berg bei Altenmarkt a.d. Alz? Man weiß es nicht. Die Gründungslegende führt das Gotteshaus auf den Heiligen Wolfgang zurück, der hier auf dem Stein gerastet haben soll, wobei der Fels weich wurde und so der Heilige Spuren im Gestein hinterließ.
Es gibt Geschichten über eine erste Kapelle aus dem 10./11. Jahrhundert und über eine urkundliche Ersterwähnung um 1130 – beides ist unbelegt.
Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts gab es das Gotteshaus aber bereits – und von diesem alten Gotteshaus ist heute noch der Turm erhalten.

Blick durch den künstlich geschaffenen Durchschlupf auf die auffälligen Vertiefungen des Schalensteins

Die Wallfahrt an den Wolfgangsee begann wohl ab dem 13. Jahrhundert. In ihrem Schatten folgten die Wallfahrten zu kleineren Wolfgangs-Kultorten: Auch die nach Berg bei Altenmarkt.
Sogar das Wolfgangspatrozinium ist erst ab 1400 nachweisbar. Wem die Kirche zuvor geweiht war, ist ungewiss.

Mit zunehmender Popularität der Wallfahrt, stellte sich auch die Frage nach einem Neubau – der 1404 bereits geweiht wurde. Dabei blieb der alte Turm aber erhalten. Wahrscheinlich war auch ein Neubau des Turms geplant, der Plan blieb aber unausgeführt.
Typisch für viele Wallfahrten, nahm auch hier der Zulauf nach einem starken Anstieg im Spätmittelalter mit den konfessionellen Wirren im 16. Jahrhundert ab. Die Wallfahrt erholte sich ab 1600 wieder und um 1630/40 erfolgte eine grundlegende Renovierung (vergleichsweise früh, wenn man bedenkt, dass der Dreißigjährige Krieg noch nicht vorbei war. Solche Projekte wurden meist erst nach dem Ende des Krieges angegangen). Bei dieser barocken Restaurierung wurden auch die spätmittelalterlichen Gemälde im Chor übermalt, die erst in den 1980er Jahren wieder freigelegt wurden.

Nach dem Ende des großen Krieges setzten wieder vermehrt Wallfahrten ein und um 1720 erfolgte eine Umgestaltung des Innenraums. Damals bekam die Kirche die Stuckierung, die man heute noch sieht. Auch die dreiseitige Einfassung des Findlings stammt aus dieser Zeit. Der Hochaltar wurde aus der Mitte der Kirche an die Chorwand versetzt, wo er heute noch steht (auch wenn man nicht weiß, ob es sich um denselben Altar handelte).

Bis zur Säkularisation gehörte die Kirche zum Kloster Baumburg, das 1803 aufgelöst wurde. 1806 wurde die Kirche schließlich der Pfarrei Baumburg als Filiale zugeteilt.

Der Findling unter dem Altar

Der Findling in St. Wolfgang in Berg bei Altenmarkt soll seine Vertiefungen vom Heiligen Wolfgang erhalten haben, der hier auf einer Reise gerastet haben soll. Die Rast ist ein häufiges Motiv, um kleinere Gnadenorte mit großen Heiligen in Verbindung zu bringen, vgl. die Rast des Hl. Emmeram in Kleinhelfendorf oder des Hl. Ulrich bei Eresing.

„Wahrer ort und merkmahl so alhier der H. Bischoff Wolffgangus in einer Durchreiß bey genohmener Rasst in dießen Stein als ein Zeichen unterlaßen hat“ Auf gut Deutsch: Hier saß mal der Hl. Wolfgang

Spannend ist, dass der Stein mitten im Langhaus ist – also auf einer Linie mit der Eingangstür und dem Hochaltar.Heute befindet sich direkt darüber der Volksaltar. Diese Anordnung ist aber nicht historisch, auch wenn es schön klingen mag, dass man „den Altar direkt über dem Stein“ errichtete. Bis zum 2. Vatikanum (1962-65) gab es keine Volksaltäre, wie man sie heute kennt. Lediglich Hochaltäre. Der Stein lag also zumindest direkt vor dem Hochaltar, an dem das Heilige Messopfer zelebriert wurde, nicht in einer Nebenkapelle oder dem Seitenschiff. Das allein ist besonders genug.

Es ist allerdings durchaus möglich, dass schon früher ein Altar direkt über dem Stein stand, denn zumindest 1708 stand der Hochaltar in der Mitte der Kirche und im Chorschluss, also dort, wo sich der Hochaltar heute befindet, stand ein Altar der hl. Elisabeth von Thüringen. Man konnte also damals um den Hochaltar herumgehen.

Es gibt noch etwas, was dafür spricht, dass früher kein Hochaltar vor der Chorwand stand: Die Chorwand ist bemalt. Bei der Restaurierung im 17. Jahrhundert wurden diese Wandmalereien zwar übertüncht, doch wäre es unlogisch gewesen, die Wand im Spätmittelalter mit Malereien zu versehen, wenn man dann einen Altar davorstellt. Auf jeden Fall wird es wohl keinen großen Altaraufsatz gegeben haben. Oder aber der Hochaltar stand schon damals – wie 1708 belegt – zentraler.
Möglich wäre also auch, dass der Stein sich hinter dem Hochaltar befand. Sicher ist jedenfalls: Historisch wie heute befand er sich unmittelbar beim Altar.

Der Volksaltar über dem Schalenstein vor dem Hochaltar

Gab es an dieser Stelle einen heidnischen Kultort? Die Vermutung liegt nahe. Von ungefähr baut man schließlich keine Kirche um einen Findling herum und inkludiert den Stein so auffällig in das Gotteshaus. Da es allerdings keine archäologischen Untersuchungen des Geländes gab, kann die Frage nicht mit Sicherheit beantwortet werden.

Der Findling in der Kirche - ein Kraftort?
Ist die Kirche von St. Wolfgang ein Kraftort? Was ist überhaupt ein Kraftort? Was versteht man darunter und gibt es das überhaupt?

Diesen Fragen bin ich in meinem Artikel über Kraftorte in Bayern nachgegangen

Kraftorte in Bayern: Ausflüge zu Heiligen Quellen, Steinen & Bäumen

Der Findling von St. Wolfgang: Ein Schlupfstein?

Noch im Barock hat man den heiligen Stein mit einer rotmarmornen Einfassung umgeben – und auf einer Seite ein Loch gelassen, so dass ein Schlupfstein entstand.
Dies finde ich besonders beeindruckend!

Kraftort in Bayern: Schlupfstein St. Wolfgang Altenmarkt

Soll gegen Rückenleiden und Kinderlosigkeit helfen. Nun gut, ich hoffe zumindest, dass mein Rücken dadurch besser wurde

Normalerweise nutzte man natürliche Schlupfsteine – also Steine mit einem Loch, durch das man hindurchkriechen kann – für kultische Zwecke. Hier hat man erst um 1720 künstlich einen Schlupfstein geschaffen! Die Bedeutung, die man solchen Steinen zusprach, schien also groß genug zu sein, um noch im 18. Jahrhundert künstlich einen herzustellen. Sicher wollte man hier eine Analogie zum wichtigsten Wolfgangs-Kultort am Wolfgangsee herstellen, wo es ja auch einen Durchkriechstein gab.

Heute spricht man ganz selbverständlich vom „Schlupfstein in St. Wolfgang“ – der natürliche Stein war allerdings nie ein solcher Durchkriechstein, sondern ein Schalenstein, also ein Stein mit auffälligen Vertiefungen. Mich wundert, dass dieser Umstand kaum gesondert erwähnt wird.
Selbst Dobler (S. 12) spricht in seinem Kirchenführer davon, dass „der Schlupfstein eine niedrige, dreiseitige Einfassung“ erhielt. Dabei wurde der Schlupfstein dadurch überhaupt erst geschaffen!

Diese Vertiefungen nutzte man – und nutzt man noch heute – um seine Füße auf eine besondere Art hineinzulegen, um durch den Durchschlupf zu kriechen. Mesnerin Barbara Schleifer zeigte uns, wie man es richtig macht. Das Durchkriechen des Loches soll bei Rückenschmerzen und Kinderlosigkeit helfen.

Möglicherweise gab es übrigens auch hier einen Quellkult. Zumindest ist bis „in jünster Zeit“ (Dobler, S. 3) ein Brunnen vor der Kirche nachweisbar. Dann gäbe es zwei Parallen zum wichtigsten Wolfgangs-Kultort am Falkenstein.

Michael demonstriert, wie man seine Füße richtig in die Löcher stellt, um durch den Durchschlupf zu kriechen

Weiterlesen:
Mehr über Schlupfsteine lest ihr in meinem Artikel über Maria Klobenstein bei Kössen. Dort bin ich auf dieses Thema ausführlicher eingegangen.

Ein weiterer Schalenstein in St. Wolfgang in Altenmarkt

In der Turmvorhalle, direkt vor dem Eingang der Kirche, befindet sich ein weiterer auffälliger Stein: ein weiterer Schalenstein.
Über ihn ist allerdings noch weniger zu erfahren. Er tragt die Inschrift „Ex Voto T. W. 1712“ – was es damit auf sich hat, erschließt sich leider nicht und wird auch nirgends näher erläutert.

Informationen für einen Besuch in St. Wolfgang in Altenmarkt/Alz

Wenn ihr St. Wolfgang bei Altenmarkt besuchen wollt, müsst ihr euch bei der Mesnerin Frau Schleifer anmelden. Die Telefonnummer findet ihr hier.

Die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist aufgrund der geringen Taktung schwierig. Der nächste Bahnhof befindet sich aber nur 3,5 km entfernt in Altenmarkt an der Alz.
Die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist über Mühlheim und Rosenheim oder über Traunstein durchaus möglich, man sollte nur etwas Geduld mitbringen. Zudem sind die Umstiegszeiten sehr knapp (nur wenige Minuten).
Am einfachsten ist die Anfahrt mit dem PKW über die B304.

Verwendete Literatur:
Dobler, Gerald: Wallfahrtskirche St. Wolfgang zu Berg bei Altenmarkt a. d. Alz. Hort des Glaubens und der Kunst, Lindenberg 2009.

Weiterlesen über Kirchen, Kapellen und Kultplätze:

2 Gedanken zu “Der Findling von St. Wolfgang bei Altenmarkt/Alz: Ein „Schlupfstein“ im Chiemgau

  1. Hallo Frau Ilona Mages,
    es hat mich sehr gefreut, dass Sie über den Wallfahrtsort St. Wolfgang aus dem schönen Chiemgau berichten. Da kommen Kindheits- und Jugenderinnerungen bei mir hoch und eine Sehnsucht nach meiner alten Heimat macht sich breit, da ich vor vielen Jahren dort gleich „zwei Häuser weiter“ aufwuchs. Da hilft alles nichts, wenn man in der Nähe einer historischen Stadt wie Landshut lebt, wenn man weiß, dass St. Wolfgang eine solch magische Ausstrahlung besitzt, dass sogar Esoteriker diesen Kraftort als „Pilgerstätte“ für sich beanspruchen.

    Auf jeden Fall vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag!
    Liebe Grüße und bleiben Sie gesund!
    Manfred Mang

    • Lieber Manfred,

      Herzlichen Dank für den lieben Kommentar! Da kommen Sie wahrlich aus einer schönen Ecke! Und die Heimatgefühle kenne ich auch – in meinem Fall ist es Bamberg. Ist immer wieder schön, auch mal nach Hause zu kommen.

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