Genua, mehr als Hafen und Industrie! – Italien mal anders #2. (Gastbeitrag)

„Was führt dich nach Genua?“
Mit dieser Frage beginnt der Guide der Free Walking Tour seine Führung. Kaum einer der Teilnehmer erzählt, dass er Genua ganz bewusst als Ziel gewählt hat. Manchen haben andere Reisende Genua empfohlen, die meisten sind zufällig hier: Sie sind auf der Durchreise von Ost nach West, vom Festland auf eine Insel, oder für den spontanen Urlaub führte der billigste Flug hierher. Auch wir wären nie freiwillig nach Genua gekommen – das Schiff auf dem unser Segelboot von der Karibik nach Europa transportiert wurde, landete in Genua an. Und jetzt wollen wir kaum wieder weg. Denn Genua ist mehr als das…

Genau ist mehr als das

Als was? Mehr als der größte Hafen Italiens, mehr als eine Industriestadt, die sich zwischen Meer und Berge quetscht, mehr als Schmutz und Verkehr, mehr als Palazzi und Pizza. „Genova – more than this“ ist das Motto der Stadt und die gilt es zu entdecken. Denn vieles ist nicht offensichtlich.

Über die ganze Stadt verstreut findest du die Palazzi dei Rolli. Genua war eine reiche Stadt, die viele Beziehungen nach ganz Europa pflegte. Damit die Besucher auch eine würdige Unterkunft fanden, wurde das System der Palazzi dei Rolli erfunden: Die reichen Bürger mussten ihre Paläste in Listen – Rolli – eintragen und abwechselnd Besucher beherbergen. 163 eingetragenePaläste gab es, als Weltkulturerbe sind heute 42 anerkannt. Im Palazzo Rosso, einem Museum, findest du Paganinis Geige, in einem anderen Werke von Rubens. Keine fünfzig Meter davon entfernt warten gewisse Damen auf Kundschaft. Zwischen ihnen und dem Palast liegt noch eines der besten Restaurants der Stadt. Dieses Nebeneinander von Reichtum und Armut, dieses Konglomerat aus Palästen, Bruchbuden, besetzten Häusern, guten Restaurants, leichten Mädchen, Mafiabossen macht Genua aus. Sicher bist du überall – oder nirgends.

Wenn du die alten Gebäude in den engen Gassen genau ansiehst, wird dir auffallen, dass die Stockwerke vieler Häuser nicht gleich hoch sind: Die höchsten Räume befinden sich im zweiten oder dritten Stock, dort, wo das Licht sie erreicht. Darüber sind noch weitere Stockwerke, das oberste meist mit sehr niedrigen Räumen. Dort waren die Dienstboten untergebracht, denn unter den dunklen Dächern war und ist es heiß! Genua ist nämlich mit Schiefer gedeckt, das ist keine andere Stadt in Italien! Auch sind viele Fenster nur aufgemalt. Wer sich nämlich Glas leisten konnte, war reich und musste mehr Steuern bezahlen.

Gut zu Fuß solltest du für Genua sein: Es gibt nur wenige ebene Straßen, vom Meer geht es recht schnell hinauf in die Berge. Der alte Hafen wurde vor einigen Jahren neugestaltet, er lädt zum Flanieren ein. Dort befindet sich auch das Aquarium, angeblich das größte Europas. Trotzdem bin ich sehr zwiespältig, was einen Besuch angeht: Es ist teuer, die Delphine sind in relativ kleinen Becken, der Rest unspektakulär. Das Maritimmuseum hingegen ist ein Muss: Im letzten Stock wird die Geschichte der Auswanderer aufgegriffen. Tausende Italiener emigrierten von hier Anfang des letzten Jahrhunderts nach Übersee. Auch moderne Migration ist ein Thema, die Ursachen sind übrigens durchaus die Gleichen, damals und heute: Hunger, Armut und mangelnde Perspektive im eigenem Land.

Oben, am Belvedere Luigi Montaldo, hast du einen wunderbaren Überblick über die Stadt. Dort erkennst du die grauen Dächer, blickst hinab auf die Kräne im Hafen, auf das Wahrzeichen Genuas, dem Leuchtturm, auf die Paläste und Kirchen. In der Jesuitenkirche findest du zwei Rubens, einer davon zeigt die Beschneidung Joshuas, von uns Jesus genannt. Im Dom liegt die Nachbildung einer Bombe, die im Dom landete, aber nie explodierte. Bombe und Attrappe wurden in Genua gebaut, auf Genua geworfen haben sie die Allierten…

Essen in Genua

Hast du Hunger bekommen? Genua Ist berühmt für drei Spezialitäten: Farinata, Foccacia und Pesto. Das beste Pesto kommt aus dem Vorort Pra, du bekommst es im Kühlbereich der Supermärkte. Farinata ist ein Fladen aus Kichererbsenmehl, Olivenöl und Salz. Viel Salz. Salzen konnten nur die Reichen, salzige Speisen zeugen also vom Reichtum. Das beste Farinata gibt es in der Nähe des Barbarossatores. Foccacia, sowas wie Pizza, nur ohne Belag gibt es ebenfalls überall in der Stadt zu kaufen, auch mit Belag. Am besten ist es allerdings pur.

Der Friedhof Staglieno in Genua

Wenn dich von den obigen Sehenswürdigkeiten noch nichts nach Genua gelockt hat, dann wird der Friedhof es tun! Ja genau, der Friedhof Staglieno, denn es ist der größte Monumentalfriedhof Europas. Selbst als gebürtige Wienerin muss ich sagen: Da tut sich der Zentralfriedhof schwer mit dem Mithalten! Staglieno liegt auf einem Hügel, wie könnte es in Genua auch anders sein, und strotzt vor Gräbern: Riesige Monumente geben der Trauer ein Gesicht, tausende Urnen liegen gestapelt in Wänden und Rundgängen, Gräber liegen dir zu Füßen, manche verfallen, manche prächtig erhalten, fast alle verstaubt… Es gibt einen jüdischen Teil, einen orthodoxen, einen englischen, viele neue und immer wieder Altes, Verfallenes. Staglieno spottet jeder Beschreibung, er ist in Fotos nicht einzufangen. Du musst in einfach gesehen haben!

Ausflüge ab Genua: z.B. in den Stadtteil Nervi

Genua erstreckt sich über 50 km der ligurischen Küste. Wenn du von Museen, Palästen und Monumenten genug hast, setzt du dich in einen Zug und fährst für wenig Geld in den Stadtteil Nervi. Dort gibt es eine wunderschöne Strandpromenade, mit guter Aussicht zur Punta Chiappa auf der Halbinsel von Portofino. Du kannst auch mit einer der Bahnen hinauf in die Berge fahren und zu einem der Forts wandern, die Genua von oben herab schützten. Noch schöner sind Ausflüge ins Hinterland, zum Wandern auf den Monte Antola oder in die Schlucht des Garagassa. Aber das sind schon wieder andere Themen!

Mehr über Genua: 


In meiner neuen Reihe „Italien mal anders“ stellen Blogger in unregelmäßigen Abständen sehenswerte Orte in Italien vor, die unter dem Radar der meisten Italien-Reisenden fliegen. Hier stellte Steffi die Stadt Genua vor.

Unter Sy-Yemanja bloggt Steffi übers Reisen meist mit und manchmal ohne einem Segelboot über Segeln, Menschen und Erlebens- und Liebenswertes. Nach vier Jahren segeln rund um den Atlantik, liegt das Schiff jetzt in Genua. Auf dem Blog geht es also aktuell mehr um Europa, aber auch um Uganda und demnächst Marokko.


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2 Gedanken zu “Genua, mehr als Hafen und Industrie! – Italien mal anders #2. (Gastbeitrag)

  1. Zuerst war ich ein wenig skeptisch, aber nachdem ich deine Artikel gelesen habe, muss ich sagen, dass dein Blog wirklich ein Vergnügen ist! du hast definitiv einen anderen Leser!

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