Etruskische Nekropolen im Latium: Wandern auf den Spuren der Etrusker [+Karte]

Unsere Reise zu den etruskischen Nekropolen im Latium, Ostern 2024.

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Nun wissen wir nichts über die Etrusker, mit Ausnahme dessen, was wir in ihren Gräbern finden. Es gibt Hinweise auf sie bei lateinischen Schriftstellern. Doch Kenntnisse aus erster Hand geben nur die Gräber. Daher müssen wir zu den Gräbern gehen: oder zu den Museen, die das aus den Gräbern Entwendete enthalten.Lawrence, S. 9

Auf die Etrusker stieß ich bereits vor einigen Jahren bei meiner Rundreise durch das nördliche Latium. Damals besuchte ich unter anderem die Orte Cerveteri und Tarquinia, wo sich große etruskische Nekropolen befinden, die in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen worden.
Dieses Jahr konzentrierten wir uns bei unserer Reise auf ein geographisch ziemlich begrenztes Gebiet, das zwischen Viterbo im Norden und Lago di Bracciano im Süden, sowie Lago di Vico und Monteromano im Osten und Westen liegt. Auf engem Raum gibt es hier eine große Dichte an archäologischen Stätten zu entdecken – abseits jeder touristischen Geschäftigkeit.

Nachdem ich euch im letzten Artikel bereits einige Informationen über die Etrusker und ihre Geschichte allgemein gegeben habe, möchte ich euch hier von den Nekropolen berichten und euch die archäologischen Stätten vorstellen, die wir auf unserer Reise besucht haben.
Am Ende dürfen natürlich auch die Welterbestätten Cerveteri und Tarquinia nicht fehlen.

Ein Hinweis: Der Gelbstich der meisten Bilder ist dem Saharastaub geschuldet, der genau in diesen Tagen über Italien lag.

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Ihr wollt erst mehr über die Etrusker allgemein erfahren, über ihre Geschichte und ihre Herkunft? Dann schaut in meinem kürzlich veröffentlichten Artikel vorbei:

Die Etrusker: Hochkultur in Mittelitalien – Wer waren die Etrusker?

Etruskische Nekropolen und Grabkultur: Vorstellungen von Tod und Jenseits

Zum Folgenden: Steingräber 1981, Steingräber 2018, Prayon.

Das meiste, was wir über die Etrusker wissen, wissen wir – wie erwähnt – aufgrund ihrer Gräber und Totenstädte und aufgrund der Dinge, die wir darin gefunden haben.
Die Etrusker haben viel Aufwand betrieben, um ihre Toten zu bestatten und so können wir heute noch im ganzen etruskischen Kernland Gräber unterschiedlichster Art finden.

Dabei gab es in Etrurien allerdings auch regionale Unterschiede, die auch stark durch die Geologie beeinflusst wurden: Im Norden Etruriens (Großteil der Toskana und Westumbrien) überwiegen Kalk- und Sandstein. Dort wurden die Gräber meist aus „Steinblöcken und -platten“ gebaut. Im südlichen Etrurien – und das umfasst das nördliche Latium, das wir auf unserer Reise besucht haben – wurden die Gräber in den weichen, relativ leicht zu bearbeitenden Tuffstein gegraben. (Vgl. Steingräber 2018, S. 197f.) Im letzten Fall spricht man dan von den Felsgräbern, bei der Gegend im nördlichen Latium auch von der „südetruskischen Felsgräberzone“ (Steingräber 1981, S. 29 und 321)
Die Grabstätten der Etrusker lagen dabei immer außerhalb der Siedlungen: Die Städte lagen auf Tuffsteinplateaus, die Wände der sie umgebenden Schluchten sind häufig regelrecht durchlöchert und mitunter sind diese Totenstädte größer als der eigentliche Ort.

Etruskische Nekropole San Giuliano bei Barbarano Romano: Die Tuffsteinwände sind regelrecht durchlöchert

 San Giuliano bei Barbarano Romano: Die Tuffsteinwände sind regelrecht durchlöchert

Während anfangs noch die Brandbestattung vorherrschte, setzte sich die Körperbestattung ab dem 7. Jahrhundert  vor Christus mehr und mehr durch – allerdings durchaus mit regionalen Unterschieden. Die Gräber wurden immer größer und elaborierter. Zum Teil wurden riesige Grabhügel („Tumuli“) angelegt, ganze Felskammergrabsysteme mit mehreren Räumen wurden in den Tuff gegraben. Die Grabausstattung wurde reichhaltiger und ahmte die Einrichtung eines Hauses nach. Häufig sieht man in den Stein geschlagene „Dachbalken“, die Betten, auf denen die Toten zur Ruhe gebettet wurden hatten „gedrechselte Beine“. Ein besonders prächtiges Beispiel ist das „Reliefgrab“ aus Cerveteri, in dem quasi das ganze etruskische Haushaltsgerät aus Stein nachgeformt wurde.

Das sogenannte "Reliefgrab" in der etruskischen Nekropole in Cerveteri

Das sogenannte „Reliefgrab“ in der etruskischen Nekropole in Cerveteri

In Tarquinia dagegen fanden sich zahlreiche bunt ausgemalte Gräber, in denen Bankettszenen dargestellt sind – inklusive Musik und Tanz.
Die Etrusker sahen das Jenseits wohl als Fortsetzung des Diesseits und verorteten diese dargestellten Bankette im Reich der Toten. Die Tatsache, dass die Gräber wohl den Häusern der Lebenden angeglichen wurden und die Grabbeigaben allerhand Alltagsgegenstände enthielte, spricht auch dafür, dass man die Gräber als Wohnhäuser der Toten ansah.

Etruskisches Grab aus Vulci: Rekonstruktion des Zustands, wie man es entdeckte, im Etruskischen Nationalmuseum Villa Giulia in Rom

Verschiedene etruskische Grabtypen

Hier eine kurze Beschreibung der verschiedenen Grabformen, die sich in den etruskischen Nekropolen des Latium finden lassen:

Pozzogräber: von italienisch „Pozzo“ – Schacht, Brunnen. Sie dienten der Brandbestattung. Die Asche der Verstorbenen wurde in einer sogenannten „bikonischen Urne“ mit den Grabbeigaben in einem kleinen Schacht beigesetzt, der dann abgedeckt wurde. Die bikonischen Urnen haben dabei einen Henkel und eine bauchige Form.

Fossagräber: von italienisch „fossa“ – Grube, Graben, Grab. Hierbei handelt es sich um längliche, rechteckige Gräber für die Körperbestattung. Die Pozzo- und Fossagräber kamen beide während der Villanova-Periode vor. Aber mit der Zeit setzte sich mehr und mehr die Körperbestattung vor der Brandbestattung durch.

Bikonische Urnen und Hüttenurnen aus der Villanova-Zeit. im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia

Kammergräber: Das Kammergrab ist quasi ein erweitertes Fossagrab. Hier gibt es nun eine vollständig ausgehölte Grabkammer, die manchmal zum Teil gebaut, in den Tuffsteinregionen des Latium aber gänzlich in den Stein gehauen wurde. Oft gibt es einen Zugangskorridor, den sogenannten „Dromos“.

Tumuli, singular Tumulus: Ein Hügelgrab, bei dem häufig mehrere Grabkammern mit einem künstlichen Hügel bedeckt wurden. Mitunter führten Rampen zu Opfer- bzw. Ritualplätzen, die sich auf den Hügeln befanden. Einige der etruskischen Tumuli konnten gewaltige Ausmaße annehmen – bis zu 70 m Durchmesser – und mehrere Kammersysteme enthalten, in denen ganze Generationen einer Familie bestattet werden konnten.
Besonders beeindruckende Tumuli könnt ihr in Cerveteri bewundern. Beispiele gibt es aber auch in den anderen Ausgrabungsstätten.

Tumuli in Cerveteri

Würfelgräber (ital. Tombe a dado): Ab Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus bildeten sich die sogenannten Würfelgräber heraus. Diese würfelförmigen Gräber wurden entweder zum Teil aufgebaut, mitunter aber auch komplett aus dem Fels gehauen. Manchmal sehen sie regelrecht aus wie eine kleine Reihenhaussiedlung.

Wie eine Reihenhaussiedlung sehen diese Gräber in Cerveteri aus. Diese hier sind aber ganz offensichtlich nicht vollständig aus dem Tuff geschlagen, sondern zum Teil aufgemauert worden.

Eine Variante ist das Halbwürfelgrab. Vom Halbwürfelgrab spricht man, wenn der Würfel nicht an allen Seiten von der Felswand isoliert war, aus der er gehauen wurde. Ist er an allen Seiten von der Felswand isoliert, spricht man von einem Vollwürfelgrab.
In einigen Fällen befindet sich die eigentliche Grabkammer direkt im Würfel. In anderen Fällen ist der Würfel lediglich mit einer Scheintür versehen und die eigentliche Grabkammer befindet sich unter dem Würfel.
Auf die Würfelgräber führten – wie auf einige Tumuli – Rampen und Treppen.
Diese Form der Gräber sieht man besonders eindrücklich bei Blera, in Norchia und San Giuliano/Caiolo.

Halbwürfelgrab in der Nekropole della Casetta bei Blera: rechts führt eine Treppe auf das Dach des Würfels

Halbwürfelgrab in der Necropoli della Casetta bei Blera: rechts führt eine Treppe auf das Dach des Würfels, der vollständig aus dem Tuff herausgeschlagen wurde

Hypogäum: Hypogäum bedeutet unterirdisches Grab und kann sich auf einzelne unterirdische Gräber verschiedenen Typus oder ganze Katakomben beziehen.

Columbarium: eine vorwiegend römische Grabform für die Brandbestattung. In eine Wand werden zahlreiche Nischen für die Urnen geschlagen. Der Name leitet sich vom Wort für „Taubenschlag“ ab, da die Nischen an die Nistplätze der Tauben erinnern. Ein besonders eindrückliches Beispiel eines Columbariums sieht man bei Blera.

Reste eines kleineren Columbariums in der Nekropole von Norchia

Reste eines kleineren Columbariums in Norchia


⭐ Übersichtskarte über die etruskischen Nekropolen und Stätten im nördlichen Latium

Details
Etrusker im nördlichen Latium

Unsere Reise auf den Spuren der Etrusker im nördlichen Latium

Anreise und Unterkunft in Barbarano Romano

Wer sich in der etruskischen Felsgräberzone bewegen und möglichst viele Stätten besuchen möchte, benötigt zwei Dinge: Ein Auto und gutes Schuhwerk.
Die verschiedenen archäologischen Stätten liegen zwar nicht weit auseinander, doch wenn man sie sich gänzlich zu Fuß oder mit dem Rad erschließen möchte wird oft einfach die Zeit fehlen, um sie sich in Ruhe anzusehen – bis zur nächsten Übernachtungsmöglichkeit ist es zum Teil relativ weit. Einige der archäologischen Stätten liegen recht einsam.

Solltet ihr euch in Blera oder Barbarano Romano einquartieren und nur die nächstgelegenen Grabstätten erkunden wollen, ist dies natürlich auch ohne Auto möglich. Dann solltet ihr mit dem Bus ab Viterbo anreisen. Zwischen den Dörfern Villa San Giovanni, Barbarano Romano und Blera verläuft außerdem der Cammino dei tre villaggi (Weg der drei Dörfer).

Gutes Schuhwerk solltet ihr unabhängig von der Reiseart dabei haben: Einmal mit dem Auto an einer Parkmöglichkeit angekommen, müsst ihr zu Fuß weiter und dabei geht es durchaus auch mal ein paar Kilometer über Stock und Stein.

In Caiolo und San Giuliano bei Barbarano Romano

Weitwanderweg Cammino Tuscia

Unser ursprünglicher Plan war gewesen, auf dem Cammino Tuscia (Nr. 103) die Gegend zu durchwandern, was an dem geringen Übernachtungsangebot auf einer Etappe scheiterte. Am Ende waren wir froh es anders gemacht zu haben, denn wir verbrachten mitunter viele Stunden in den einzelnen Ausgrabungsstätten und legten dabei nur drei oder vier Kilometer zurück – Zeit, die wir nicht gehabt hätten, hätten wir uns Tagesetappen von 15 – 20 Kilometern vornehmen müssen. Wir wanderten allerdings immer wieder auf einzelnen Abschnitten des Wanderweges.
Wer dennoch gerne den Cammino Tuscia gehen möchte, findet alle Informationen auf der Webseite. Eine Anreise mit dem Zug und damit der Einstieg in den Weg ist in Orte, Vetralla oder Tarquinia möglich.
Achtung: während der Haupturlaubszeiten unbedingt die Unterkünfte vorbuchen. Mitunter ist das Angebot sehr dünn und dann auch lange im Voraus ausgebucht (so wie es uns an Ostern erging).

Auf dem Cammino Tuscia waren wir trotzdem mehrfach unterwegs – wie zum Beispiel hier unweit von San Giovenale – auch wenn sich unser ursprünglicher Wanderplan zerschlagen hatte

Anreise mit dem Auto

Wir mieteten uns also ein Auto und nahmen Station in Barbarano Romano. Der Ort ist ein idealer Ausgangspunkt für die Erforschung der Felsgräberzone. Die weiteste Strecke, die wir zurücklegten waren 30 Kilometer. Nach Tarquinia wären es 31 Kilometer, nach Cerveteri 42 Kilometer. Die beiden letzten haben wir allerdings nicht auf dieser Reise besucht, da wir mit den anderen archäologischen Stätten schon vollauf beschäftigt waren. Deshalb haben wir es auch leider nicht ins Etruskische Museum von Barbarano Romano geschafft – was wir hinterher sehr bedauerten.

Die Anfahrt nach Barbarano Romano erfolgt ab Rom in etwa 1,5 Stunden. Ab Florenz dauerte die Anreise über die Autostrada del Sole etwa 3 Stunden.

Ausblick von Barbarano Romano ins Tal. Unweit des Dorfes hatten wir unsere Unterkunft

Unsere Unterkunft in Barbarano Romano

Unsere Unterkunft lag direkt außerhalb des Ortes: Ein kleines Bed & Breakfast mit dem schönen Namen Barbara and Breakfast.

Unsere Unterkunft bei Barbarano Romano – Bild mit freundlicher Genehmigung von Barbara von Barbara and Breakfast.

Luxus bekommt man hier nicht, aber ein einfaches, sauberes Zimmer mitten im Grünen. Es gibt insgesamt nur zwei Zimmer, die sich eine gut ausgestatte Küche teilen, wo man sowohl seine Wandermahlzeit für den nächsten Tag im Kühlschrank lagern als auch sich ein einfaches Abendessen zubereiten kann. Für das Frühstück legt Barbara frische Sachen im Kühlschrank bereit – angepasst an die persönlichen Präferenzen. Etwaige Nachfragen beantwortet Barbara per Mail oder WhatsApp. Wir waren zufrieden und ich kann die Unterkunft nur weiterempfehlen.

Barbarano Romano selbst ist ein idyllisches Örtchen. Es thront, wie so viele Orte der Gegend, auf einem Tuffplateau, umgeben von steilen Schluchten, die steinernen Häuser drängen sich aneinander in verwinkelten Gassen und es macht Spaß, abends durch den Ort zu schlendern und die Menschen zu beobachten.


Etruskische Nekropolen San Giuliano und Caiolo bei Barbarano Romano

Nur wenige Kilometer von Barbarano Romano entfernt liegen die etruskischen Nekropolen San Giuliano und Caiolo. Nach wenigen Minuten sind wir schon angekommen und stellen unser Auto auf dem großen Parkplatz mit Bar und Grillplätzen ab.
Wer nicht viel Zeit in der Gegend hat oder nicht ganz so viele Stätten besichtigen möchte wie wir, für den sind diese beiden bei San Giuliano eine gute Anlaufstelle: „Die Bedeutung der Zone von S. Giuliano besteht vor allem darin, dass sie wie kein anderer Ort die Entstehung und Entwicklung der etruskischen Felsgrabarchitektur dokumentiert.“ (Steingräber 1981, S. 349)
Nicht nur gibt es hier eine Menge unterschiedlicher Gräber zu sehen, die man bei einem gemütlichen Spaziergang erkunden kann, obendrein sind die Gräber auch alle gut beschildert, es gibt sogar einen Audio-Guide, und am Ende der Tour winkt auch noch ein Mittagessen an der Bar.

Insgesamt etwa 4 km legen wir bei unserem Besuch zurück – und verbringen doch vier Stunden hier, so viel gibt es zu sehen:

Die Tour beginnt bei der Tomba Cuccumella, einem großen Tumulus, wahrscheinlich aus dem späten 7. Jahrhundert vor Christus, bei dem die Decke eingestürzt ist. Wir passieren einige Hypogäen, darunter die „Tomba dei Letti“ – das Grab der Betten. Anders als in anderen, ähnlichen Grabkammern stehen hier neben den großen Totenbetten zwei kleinere Totenbetten. Hier wurde eine ganze Familie beigesetzt, Erwachsene samt Kindern – welche Tragöde sich dahinter verbergen mag, bleibt unser aller Phantasie überlassen.

Tomba Cuccumella Etrusker San Giuliano

Tomba Cuccumella

 

Tomba dei Letti – das Bettengrab. In so gut wie jedem etruskischen Grab findet man Totenbetten. Das Besondere ist hier, dass neben den großen Betten jeweils kleine Betten stehen. Wahrscheinlich für Kinder.

Direkt daneben befindet sich der Tumulus del Caiolo aus dem Beginn des 6. Jahrhunderts vor Christus. Zwei Grabkammern sind hintereinander angeordnet und durch Säulen getrennt. Die Decke der vorderen Kammer ahmt die Decken der etruskischen Wohnhäuser nach: Fünf große Balken sind hier aus dem Tuff herausgearbeitet worden, wie Holzbalken, die die Decke eines Hauses stützen.
Die Decken der in den Tuff geschlagenen Kammergräber sind meist ähnlich und doch sehr vielfältig gestaltet. Mal ist es ein Mittelbalken und eine Giebelkonstruktion, mal ist es – wie hier im Tumulus del Caiolo – eine flache Decke mit mehreren Balken, mal gibt es noch feinere Verstrebungen.

Tumulus Caiolo in der etruskischen Nekropole von San Giuliano

Tumulus Caiolo

Wir folgen dem Weg weiter hinab, wo auf dem Grund des Tals der Fosso di Verlungo rauscht. Dabei passieren wir noch weitere in den Tuffstein geschlagene Gräber, kriechen in jedes Loch, das sich irgendwo im Stein auftut und inspizieren alles ziemlich genau. Zu unserer Rechten entdecken wir zum Beispiel die Portikusgräber, die zweistöckig angelegt sind: Unten die Grabkammern, darüber Loggien, auf die früher einmal Treppen hinaufführten.

Letztendlich erreichen wir die „Tomba della Regina„. Das sogenannten „Grab der Königin“ ist ein Halbwürfelgrab, also nicht an allen Seiten aus dem Tuff herausgeschlagen, und hat die beeindruckenden Ausmaße von 14 m in der Breite und 10 m in der Höhe. Leider ist es eingerüstet, da es renoviert wird. Ein bisschen bedauerlich, finden wir – und lesen hinterher dann voller Verwunderung: Als man im Februar 2024 für die Restaurierungsarbeiten die Bäume und Sträucher rund um die Tomba della Regina entfernte, tauchte ein weiteres Grab ähnlicher Größe auf. Es ist so groß und steht so offensichtlich DIREKT neben der Tomba della Regina, dass wir uns überhaupt nicht vorstellen können, wie es in all der Zeit so gut versteckt gewesen sein konnte. Und doch wurde dieses 2500 Jahre alte Grab erst einen Monat vor unserer Reise entdeckt! Man mag sich gar nicht vorstellen, was noch alles unter der Erde schlummert. Bei all unseren Wanderungen fragen wir uns stets aufs Neue: Was gäbe es hier wohl alles noch zu finden? (Hier findet ihr einen Artikel über das neugefundene Grab)

Die Tomba della Regina (mit Gerüst). Daneben das kürzlich erst entdeckte Grab in der etruskischen Nekropole von San Giuliano

Die Tomba della Regina (mit Gerüst). Daneben das kürzlich erst entdeckte Grab bei San Giuliano und Caiolo

 

das kürzlich erst entdeckte Grab neben der Tomba della Regina

100 m westlich der Tomba della Regina wartet bereits das nächste Prachtstück: Die Tomba del Cervo – das Grab des Hirsches. Hierbei handelt es sich um das einzige Vollwürfelgrab der Stätte – das heißt, dass der Würfel an allen Seiten vollständig aus dem Tuff herausgelöst wurde. Eine Treppe führt auf der linken Seite und der Rückseite des Würfels hinauf auf eine große Terrasse, die wahrscheinlich kultischen Zwecken diente. Steigt man hinauf, sieht man auf der linken Seite in die Felswand geritzt das Bild eines Kampfes zwischen einem Wolf und einem Hirsch – woher das Grab seinen Namen erhielt. Allerdings stammt die Felszeichnung wahrscheinlich nicht aus etruskischer Zeit.

Die große Tomba del Cervo (das Hirsch-Grab) ist das einzige Vollwürfelgrab dieser Ausgrabungsstätte. Das heißt, dass es von allen Seiten vom umgebenden Fels gelöst ist. Die eigentliche Grabkammer liegt unter dem Würfel

Nachdem wir nun den Talgrund erreicht haben, geht es auf der anderen Seite des Baches wieder aufwärts – zum etruskischen Friedhof von San Giuliano. Den Namen erhält sie von der Ruine der romanischen Kirche San Giuliano, die sich auf dem Tuffsteinplateau befindet, wo wahrscheinlich bereits die alte etruskische Siedlung gelegen hatte. Die Kirche, die man leider nicht betreten kann, enthält einige schöne Fresken aus dem 12. und 15. Jahrhundert. Einige Säulen, die man hier sehen kann, sind eindeutig Spolien römischen Ursprungs. Und unweit der Kirche befinden sich Reste eines Brunnens mit einem unterirdischen Raum, zu dem eine steile Treppe hinabführt – heute als „Bagno Romano“ bekannt, da dieser Raum späterhin möglicherweise in ein Bad umgewandelt worden war.

Antike Spolien in der Kirche San Giuliano

Antike Spolien in der Kirche San Giuliano

In San Giuliano fesseln v.a. drei Gräber unsere Aufmerksamkeit: Die Tomba Rosi, die Tomba Costa und der große Tumulus der Tomba Cima.

Bei Tomba Rosi und Tomba Costa handelt es sich um Würfelgräber, das erste aus dem frühen 6., das letztere aus dem frühen 5. Jahrhundert vor Christus stammend. Die Tomba Rosi hat einen großen Vorraum mit zwei Grabbetten. Von dort führen drei Türen in drei dahinterliegende Grabkammern (wer auf Instagram ist, kann sich ein kurzes Video dazu ansehen, wo ich euch durch das Grab führe). In der Tomba Costa gibt es einen großen zentralen Hauptraum mit einer Decke, die wiederum deutlich die Holzbalken der etruskischen Wohnhäuser imitiert. Rechts und links führen zwei seitliche Grabkammern ab, an der Hinterwand gibt es eine Scheintüre, die den Übergang in das Totenreich symbolisieren könnte.

Tomba Costa: Scheintür an der hinteren Wand der Grabkammer

Tomba Costa: Blick in eine seitliche Grabkammer

Das letzte Grab, das wir besichtigen, bevor wir uns über die Landstraße zurück zum Parkplatz machen, ist der Tumulus della Cima, ein großer Tumulus mit etwa 25 m Durchmesser, der insgesamt sieben Grabanlagen enthält. Ein langer Dromos (Gang) führt in die Hauptkammer – die Tomba della Cima, die aus mehreren Räumen besteht: Bereits im Dromos zweigen mehrere Seitenkammern ab, im eigentlichen Grab kommt man zuerst in einen Vorraum, von dem wiederum seitlich Grabkammern abzweigen. In einer Achse mit dem Dromos und dem Vorraum liegt die Hauptgrabkammer. Die ganze Anlage ist aus dem Tuffstein herausgeschlagen worden!
Auffallend sind die unterschiedlichen Gestaltungen der Decken, auf die man sein Augenmerk richtigen sollte. Leider sind meine Fotos im Grab nicht besonders gut geworden. Einige Fotos aus der Tomba Cima findet ihr hier.

Dromos (Gang) zur Hauptkammer in der Tomba Cima

Gegenüber des Tumulus befinden sich die Reste eines Gebäudes, das wohl eine Art Tempel war und dem Totenkult diente. Anlagen dieser Art neben den Gräbern sind in Etrurien nur selten zu finden.


Die Tombe della Valle Cappellana

Vom Parkplatz bei San Giuliano und Caiolo folgt man der Strada Comunale etwa 3 km weiter und biegt dann rechts auf die Strada Provinciale ab und hat hier bereits nach wenigen hundert Metern das nächste Ziel erreicht: Die Gräber des Valle Cappellana. Zwei prächtige Gräber kann man hier besichtigen – und wenn man nicht weiß, dass sie hier liegen, dann fährt man hier mehrfach vorbei, ohne sie zu bemerken (so wie wir zu Beginn), denn der große Tumulus, der beide Gräber einstmals bedeckte, ist längst eingeebnet.

in der Tomba Margareth

In der Tomba del Trono

Das erste Grab ist die sogenannte „Tomba Margareth“ aus der Zeit zwischen dem späten 7.  und dem frühen 6. Jahrhundert vor Christus. Den Namen erhielt es von der dänischen Königin Margharethe, die als junge Frau mit ihrem Onkel – dem schwedischen König – an den Ausgrabungen in der Gegend teilgenommen hat.
Ein langer Dromos führt in eine Grabkammer mit einem Totenbett zur Linken mit herrlichen Schnörkeln am „Kopfkissen“. An der Decke kräftige „Holzbalken“, die aus dem Tuffstein gearbeitet wurden. Hinter dem Bett trennen zwei schön gearbeitete Säulen mit Kapitellen einen Raum ab, mit zwei weiteren Totenbetten mit rund „gedrechselten“ Beinen. Auch hier eine Balkendecke, aber mit feineren Details zwischen den Balken.

Das zweite Grab wird Tomba del Trono, also Throngrab, genannt. Ein kurzer Dromos führt in eine Grabkammer mit zwei recht verwitterten Betten. Der Name des Grabs leitet sich ab von einem thronartigen Sitz, der hier neben einem der Totenbetten aus dem Stein gehauen wurde – Fußschemel inklusive (siehe oben).


Etruskische Nekropolen rund um Blera [mit Karte]

Blera ist ein kleiner Ort mit etwa 3000 Einwohnern, nur etwa 6 km von Barbarano Romano entfernt und gilt „zusammen mit dem nahegelegenen S. Giuliano [als] das Hauptzentrum der archaisch-etruskischen Felsgrabarchitektur“ (Steingräber 1981, S. 331). Insgesamt wird die Zahl der etruskischen Gegend rund um Blera auf 2000-3000 geschätzt. (Steingräber 1981, S. 332)
Auch hier in Blera thront das Dorf auf einem Tuffsteinplateau, das von drei Seiten von steilen Tälern umgeben ist – eine Anlage, wie wir sie bereits bei Barbarano Romano und auch dem abgegangenen Dorf bei San Giuliano gesehen haben und wie sie die Etrusker in der Gegend offenbar für ihre Siedlungen bevorzugten. Die etruskische Siedlung lag nordwestlich des jetzigen Centro Storico, auf den Ausläufern des Plateaus, wo sich die Bäche Biedano und Rio Canale, die jeweils südlich und nördlich des Dorfes vorbeifließen, vereinigen.

Blera thront auf einem Tuffsteinplateau über zwei Bachtälern. Die Hänge der Bachtäler sind regelrecht durchlöchert von Gräbern, die seit langer Zeit als Ställe, Scheunen und Schuppen genutzt wurden

Hier an diesem Zusammenfluss liegt der etruskische Friedhof von Pian di Vescovo, wo sich die Würfelgräber am Hang eindrucksvoll übereinander stapeln.
Doch auch in den Bachtälern südlich und nördlich von Blera sind die Tuffsteinwände regelrecht durchlöchert. Hier in Blera war die eigentliche etruskische Siedlung ganz endeutig kleiner als die zahlreichen Grabstätten, die sie umgaben.

Wanderung rund um Blera

Wir erwanderten uns die archäologischen Stätten rund um Blera auf einer ganztägigen Wandertour.
Unser eigentlicher Plan, hinter Pian del Vescovo noch einige Kilometer weiterzuwandern bis zur Ausgrabungsstätte von Grotta Porcina scheiterte an zwei sehr eifrigen Schäferhunden, die sich herzlich wenig darum scherten, dass ein markierter Wanderweg an ihrem Hof vorbeiführte.
Auf der folgenden Karten seht ihr also die bereinigte Tour von nun etwa 11 km Länge, die ihr ohne Probleme als Inspiration für eine eigene Wanderung nehmen könnt. Die wirren Zickzack-Muster unseres Tracks gehen natürlich darauf zurück, dass wir ständig vom Weg ab gingen, um in irgendwelche Tuffsteinlöcher zu kriechen. Ich habe dieses vermeintliche Wirrwarr ganz bewusst nicht bereinigt, da gerade im Bereich auf der Nordseite Bleras gar nicht alle Pfade in den Karten eingezeichnet sind, die man gehen muss, um zu all den Gräbern zu gelangen.
Sicher haben auch wir noch das ein oder andere Grab übersehen und verpasst.

Details
Wanderung zu den etruskischen Nekropolen rund um Blera

Südlich von Blera: Ponte del Diavolo, Cava Buia, Columbarium

Wir beginnen unsere Wanderung an der Südseite, im Tal des Biedano, in das wir vom Dorf hinabsteigen. Blera türmt sich uns zur Linken auf dem Tuffsteinfelsen auf – die ganze Wand entlang des Weges ist durchlöchert. Hier, in der Nähe des Dorfes, werden die ehemaligen etruskischen Gräber noch immer genutzt: Als Schuppen, Keller, Ställe oder Garagen.

Am Grund des Flusstals überqueren wir den Biedano auf dem Ponte del Diavolo – einer Brücke aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, über die einstmals die römische Via Clodia führte, die schließlich den etruskischen Ort, das heutige Blera, durchquerte.

Ponte del Diavolo bei Blera

Auf der anderen Seite des Baches steigen wir den steilen Hang wieder hinauf und gelangen nach Puntoni, wo es schon bald rechts abgeht und uns der Weg zur Cava Buia führt. Diese Hohlwege, welche die Etrusker in den Tuffstein geschlagen haben, kennt man auch als „Via Cava“ besonders aus der südlichen Toskana, aus der Gegend um Pitigliano und Sovana. Doch auch hier im nördlichen Latium lassen sie sich finden. Entlang dieser etwa 400m langen Cava Buia sieht man – oberhalb des heutigen Straßenniveaus – zahlreiche Gräber in den Fels geschlagen. Sie gehören zur sogenannten Nekropole della Lega.

An einer Stelle wird die Cava Buia schräg von einem eigenartigem Einschnitt im Tuffstein gekreuzt: hoch, sehr schmal und sehr akkurat zieht sich dieser dunkle Gang tief in den Tuff hinein. Meine Reisebegleitung dringt etwa 20 m weit in den dunklen Schacht vor, aber irgendwann wird es doch zu eng und die großen Spinnen treiben ihn auch zurück. Auf der anderen Seite der Cava Buia wird der Gang weitergeführt, aber nach wenigen Schritten ist man durch den Fels. Offenbar war dieser Gang Teil einer hydraulischen Anlage, einer Wasserleitung. So ganz kann ich mir aber immer noch nicht vorstellen, wie das funktioniert haben mag.

Zu diesen Grabanlagen gehört auch ein sehr eindrucksvolles Columbarium, das wahrscheinlich aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert stammt und über die ganze römische Zeit in Benutzung war. Ein großer langer Raum endet in zwei abgerundeten Räumen, was dem Ganze eine phallische Form gibt. Die Wände sind übersäht mit unzähligen kleinen Nischen, in denen früher die Urnen aufbewahrt wurden.
Das Columbarium hätten wir sicherlich versäumt, wenn nicht eines der zahlreichen handgeschriebenen Schilder uns den Weg gewiesen hätte. Enthusiastische Freiwillige kümmern sich in der ganzen Gegend um den Erhalt der Wege und die Beschilderung. Vieles wirkt recht provisorisch, handgemacht – und ist doch manchmal die einzige wirkliche Orientierung, die man hier hat, um versteckte Schönheiten – wie das Columbarium abseits der Cava Buia – finden zu können.

Das Columbarium bei Blera ist von außen eher unscheinbar.

Bei der kleinen Kirche San Sensia kommen wir aus der Cava Buia heraus, überqueren den Biedone erneut und passieren eine alte Mühle und das mittelalterliche „Türmchen“ namens Torretta.
Jetzt könnten wir nach Blera zurückkehren, gehen stattdessen aber geradeaus weiter über die Strada delle Vigne – erneut gesäumt von umgenutzten etruskischen Gräbern – bis Pian di Vescovo.

Alte Mühle und Torretta bei Blera

Etruskische Nekropolen nördlich und östlich von Blera

Die Gräber von Pian di Vescovo liegt direkt am Zusammenfluss der beiden Bäche, die Blera umgeben. Über den kleineren Fluss führt der Ponte della Rocca aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, über den damals die Via Clodia führte. Die Brücke wurde natürlich umgebaut und verändert, die ursprüngliche Form hat sie aber beibehalten. 

Die Grabanlage liegt an einem Hang. Würfel- bzw. meist Halbwürfelgräber, meist aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert, türmen sich hier übereinander. Treppen führen dazwischen den Hang hinauf, auch auf die Plattformen auf den Würfeln, die wahrscheinlich dem Totenkult dienten. Die Grabkammern befinden sich hier direkt im Würfel (wie in San Giuliano), nicht darunter (wie in San Giovenale und Norchia). Die Türmen sind durch eine sogenannte „Porta dorica“ gerahmt und damit verziert.



In den 1980er Jahren wurden hier Ausgrabungen vorgenommen und der ganze Ort wirkt sehr gepflegt. Ein Picknickplatz lädt zudem zum Verweilen ein. Nichts ist wirklich überwuchert und zugewachsen. Deshalb bieten die Würfelgräber von Pian di Vescovo einen sehr eindrucksvollen Anblick, bei dem man eine Idee bekommt, wie die Bauten wohl zu etruskischer Zeit gewirkt haben könnten.
Dabei muss man bedenken, dass die Fassaden der Würfelgräber in die Richtung der antiken Siedlung zeigen, die nur wenig entfernt auf den Ausläufern der Hochebene lag (wo heute, weiter süd-östlich auch der Ort Blera liegt). Die Lebenden hatten wohl einen recht klaren und guten Blick auf die Totenstadt am Fuße des Hügels.

Zudem führten zwei wichtige etruskische Verbindungsstraßen hier entlang – eine davon wurde später unter den Römern die Via Clodia – so dass das Reich der Lebenden und das Reich der Toten keineswegs ganz klar voneinander getrennt waren. Dieser etruskische Friedhof wurde vom späten 8. bzw. frühen 7. vorchristlichen Jahrhundert bis in die römische Zeit genutzt.

Auf die Hochebene Petrolo, wo sich die etruskische Siedlung befand

Wir kehren über den Ponte della Rocca zurück und biegen gleich links ab. Dieser Weg führt uns auf die Hochebene Petrolo, wo sich die etruskische Siedlung befand. Von dort wandern wir durch stille Gärten bis nach Blera, durchqueren den mittelalterlichen Ortskern und kommen wieder zum Parkplatz.
Von hier aus können wir nun den letzten Bereich der etruskischen Necropoli di Pontone di Grazioli, del Terrone und della Casetta erkunden, die nordöstlich des mittelalterlichen Borgo liegen. Wir steigen in die tiefer gelegene Via di San Giovanni hinab und folgen dieser aus dem Ort heraus.
In diesem Gebiet findet man eine Vielzahl unterschiedlicher Gräber. Die Pfade, die sie verbinden, sind weder auf Google Maps noch auf Open Street Maps eingezeichnet und wir folgen handgeschriebenen Hinweisschildern kreuz und quer durchs Gelände, immer darauf achtend, nicht in eines der zahlreichen Löcher zu treten, die sich im Boden auftun – Überreste von Gräbern natürlich.

Treppen wie diese führen auf die Dächer der etruskischen Gräber

Treppen wie diese führen auf die Dächer der etruskischen Gräber

Beeindruckend sind natürlich die großen Tumuli, die wir hier sehen, zum Teil halb versunken, so dass ihre eigentlichen Ausmaße schwer auszumachen sind.

Wir kommen an einem römischen Mausoleum vorbei, das zu einer römischen Villa gehörte, die hier einstmals stand, und an einer Stelle muss man mit Hilfe eines Seiles einen Abhang hinabsteigen, um zu einem römischen Columbarium zu gelangen.

Reste eines römischen Mausoleums in Blera

Reste eines römischen Mausoleums in Blera

Das Ende der Tour ist die Nekropole della Casetta – zu deutsch: Die „Häuschennekropole“ – mit einer Reihe von Halbwürfelgräbern aus dem 6./5. Jahrhundert vor Christus. Bei einem sieht man noch besonders eindrücklich die Treppe, die auf das Dach führte. Ein weiteres, die sogenannte „Grotta dipinta“ („bemalte Höhle“) enthält noch Spuren einer bunten Ausmalung.

Insgesamt waren wir fast 8 Stunden rund um Blera zu Fuß unterwegs (mit einem Abstecher beim Versuch, Grotta Porcina zu erreichen – wie oben beschrieben). Sicher hätte es noch sehr viel mehr Gräber gegeben, die wir hätten entdecken können – wir entscheiden und dann am Ende aber doch für einen Besuch in der Pizzeria zum Abschluss des Wandertages.

Ansicht von Blera


Etruskische Ausgrabungsstätten bei San Giovenale und Luni sul Mignone

Etruskische Grabstätten und Siedlung von San Giovenale

Etwa 10 km von Barbarano Romano entfernt, kurz vor dem Örtchen Civitella Cesi, geht es rechts in einen Feldweg, der uns zu der Ausgrabungsstätte von San Giovenale führt. Den Namen erhält die Stätte von einer mittelalterlichen Kirche, in welcher der frühchristliche Märtyrer San Giovenale (Bischof Juvenalis von Narni) einstmals begraben worden sein soll (heute liegt er übrigens in Lucca in der Toskana begraben). An dieser Stelle ist späterhin auch eine Burg erbaut worden, von der heute nur noch Ruinen stehen.

Ausgrabung der etruskischen Siedlung bei San Giovenale

Ausgrabung der etruskischen Siedlung bei San Giovenale

Unweit dieser Burgruine sieht man heute noch Reste etruskischer Siedlungen, die in den 1950er und 1960er Jahren von schwedischen Archäologen ausgegraben wurden: einige Häuser aus dem 7. Jahrhundert vor Christus westlich der Burg und ein ganzes Wohnviertel mit Wohnhäusern, Brunnen, Wasserleitungen und Vorratsräumen etwa aus der Zeit des späten 7. bis Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus.
Wie bereits erwähnt, können sich die Archäologen die etruskische Hausarchitektur und den etruskischen Alltag meist nur von den Grabstätten herleiten, da etruskische Wohnarchitektur nur vergleichsweise selten überdauert hat. Deshalb ist „San Giovenale (…) von außerordentlicher Bedeutung für die Erforschung der altitalischen und etruskischen Hausarchitektur.“ (Steingräber 1981, S. 321)

Grab in San Giovenale

Dromos eines Tumulus in San Giovenale

Den etruskologischen Laien faszinieren wahrscheinlich noch viel mehr die Gräber der Nekropole von San Giovenale, die – verglichen mit denen in Blera und San Giuliano – relativ schlecht erhalten sind. Einige Gräber darf man aufgrund von Einsturzgefahr nicht begehen. Vieles ist zugewachsen, zugewuchert, alles wirkt noch verwunschener als bei den anderen Orten. Und es war auch sehr viel einsamer als in Blera, Norchia und bei Barbarano Romano.
In San Giovenale findet man Fossa- und Kammergräber vom 7. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr., sowie auch einige Tumuli, die ebenfalls in dieser Zeitspanne genutzt wurden.

Wie kommt man von San Giovenale nach Luni sul Mignone?

Von San Giovenale wollen wir weiter in das 7 km entfernt gelegene Luni sul Mignone. Der Cammino Tuscia führt hier entlang, über die Feldwege. Da wir aber nicht denselben Weg hin- und zurück nehmen wollten, versuchten wir einen Pfad entlang des Flüsschens Vesca, der aber bereits nach wenigen Minuten in dichtem Brombeergestrüpp endet. Wir steigen also wieder ins Auto und fahren ein Stück die Feldwege entlang, um nach wenigen Kilometern einen neuen Anlauf zu wagen: Hier ist in einer lokalen Wanderkarte ein markierter Wanderweg entlang der Vesca eingezeichnet, dem wir auch bis Luni sul Mignone folgen. (Bei der Anfahrt waren wir dann übrigens sehr dankbar, hier nicht zu Fuß gewandert zu sein, denn sogar im Auto wurden wir von einigen Herdenschutzhunden wild kläffend verfolgt).

Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Wanderroute nicht empfehlen kann. Seltsamerweise sieht das auf den Bildern sehr idyllisch und einfach aus. Idyllisch war es auch tatsächlich, denn wir begegneten keiner Menschenseele und die Wälder und das Bachtal waren wunderschön. Der Weg allerdings verlor sich nicht selten im Unterholz und im felsigen Gelände. Wir mussten viel auf und ab kraxeln, auch schon einmal durch das Bachbett waten, marschierten zum Teil fast knöcheltief durch Matsch, immer mit dem Blick auf das GPS-Gerät, um überhaupt eine gewisse Ahnung zu haben, wo der Pfad entlang führte. Wer sehr abenteuerlich ist und ein gutes GPS-Gerät hat, kann dies tun. Allen anderen empfehle ich, die Anfahrt nach Luni über die stillgelegte Eisenbahnstrecke „Ferrovia Civitavecchia-Capranica“. Eine Zufahrtsmöglichkeit gibt es u.a. von der Strada Provinciale 42 zwischen Blera und Monte Romano/Tarquinia. Aber auch diese Zufahrt dürfte für normale Stadtautos nicht ganz einfach sein.

Luni sul Mignone

Nach viel Gekraxel und mit völlig matschigen Hosenbeinen und Schuhen kommen wir also in Luni sul Mignone an. „Luni zählt heute zu den einsamsten Plätzen Etruriens“, schreibt Steingräber (Steingräber 1981, S. 327) und so wirklich hatten wir keine Vorstellung, was das bedeuten könnte, bis wir dort waren. Luni „liegt in den von Buschwald bedeckten Nordausläufern der Tolfaberge auf einem etwa 560 m langen und bis zu 150 m breiten Tuffplateau mit meist steil abfallenden Wänden, die auf der Nordseite vom Caninobach und auf der Südseite vom Mignone  und der in ihn mündenden Vesca umflossen werden.“ (Steingräber 1981, S. 327)
Die Gegend ist völlig einsam. Wir kommen bei unserer Wanderung an keinen Höfen vorbei, treffen keinen Menschen. Nur Kühe und Esel – und Schafsherden mit den Hütehunden zum Glück nur in der Ferne.

Am Fuß des Plateaus, auf dem die archäologischen Stätten von Luni liegen, steht heute die Ruine des alten Bahnhofs Monte Romano. Hier, am alten Bahnhof, treffen wir ein paar Leute, die die Gegend für offroad-Touren nutzen. Nach Luni steigt keiner von ihnen hinauf. Der Aufstieg ist nur zu Fuß möglich und erfordert das erklimmen von Felsen und Eisenleitern. Oben herrscht absolute Stille. Alles ist zugewuchert, das Gras und die Asphodelos-Pflanzen sind fast so hoch wie ich. Vieles kann man unter dem Bewuchs eher erahnen.

Der alte Bahnhof von Monte Romano liegt unterhalb des Stadtbergs von Luni sul Mignone

Deutlich erkennbar sind allerdings zwei Gebäude, die heute durch ein großes Metalldach geschützt werden. Das östlich Gelegene sieht auf den ersten Blick wenig spektakulär aus und ist doch das Bedeutendste: das älteste Monumentalgebäude in Mittelitalien aus dem 12. vorchristlichen Jahrhundert. Sechs Meter tief wurde der untere Teil des Gebäudes in den Tuffstein gegraben, darüber wurde der Rest des Hauses mit Tuffsteinblöcken gemauert, das wiederum von einem hölzernen Dach bedeckt war. Es war wahrscheinlich kein gewöhnliches Wohnhaus, war möglicherweise das Haus des Anführers des Dorfes und diente es kultischen Zwecken und für Versammlungen. Im späten 8. Jahrhundert vor Christus brannte das Gebäude ab.

Unscheinbarer Anblick: Ein Monumentalbau aus dem 12. Jahrhundert vor Christus

Direkt daneben findet sich ein kultisch genutzter Gebäudekomplex: Einer zuvor schon genutzten Höhle wurde um 500 v. Chr. ein Vorbau vorgelagert. Auf dem Dach der Grotte war wohl der Opferplatz und ein Loch verband das Dach mit der Höhle selbst.
Dieser Kultbau wurde über Jahrhunderte genutzt, bis er in eine christliche Kirche umgewandelt wurde. In der Umgebung finden sich auch christliche Gräber. Heute ist Luni allerdings vollkommen verlassen.

Kultkomplex: Höhle mit Vorbau

„Die Bedeutung von Luni und seiner unmittelbaren Umgebung besteht für die Archäologie vor allem darin, dass wie kaum an einem anderen Platz in Mittelitalien Siedlungsreste von neolithischer bis etruskischer Zeit dokumentiert werden.“ (Steingräber 1981, S. 330f.)
Für den Laien empfiehlt sich der Besuch in Luni in erster Linie aufgrund der Einsamkeit und Idylle der Landschaft. Bei einem durchschnittlich an Archäologie interessierten Reisenden werden die Ausgrabungen auf dem Plateau wahrscheinlich weniger Entzücken auslösen.
Um das Hochplateau herum gibt es verstreut noch mehr zu entdecken, wozu man allerdings wirklich recht genau wissen muss, wo man zu suchen hat.


Etruskische Totenstadt bei Norchia

Die Nekropole von Norchia ist die bedeutendste hellenistische Felsgräbernekropole Südetruriens und darf als eine der eindrucksvollsten architektonischen Hinterlassenschaften der Etrusker überhaupt angesehen werden.Steingräber 1981, S. 353

Die Blütezeit Norchias fällt in die Zeit von der Mitte des 4. bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christus. Damals war Nochia ein wichtiges Zentrum Inneretruriens. Auch in Norchia lag die etruskische Siedlung auf einem Tuffplateau, das an drei Seiten von Flüssen umgeben war. In den Flusstälern befinden sich die Totenstädte mit vielen Gräbern
Nach einem Niedergang in der römischen Zeit, lebte das Dorf in Norchia im Mittelalter wieder auf. Aus dieser Zeit stammt das Kastell und die Reste der romanischen Kirche San Pietro, sowie Teile der Stadtbefestigung und ein Tor. 1435 wurde der mittelalterliche Borgo endgültig zerstört und aufgegeben. Von den Etruskern künden vor allem die Felsgräber.

Reste der mittelalterlichen Kirchen San Piero

Zur Nekropole von Norchia zu gelangen, ist eigentlich relativ einfach – sofern man nicht Google Maps glaubt. Das möchte uns nämlich einen rest abenteuerlichen Weg leiten, den wir mit unserem Mietwagen wahrlich niemals hätten bewältigen können. Stattdessen geben wir als Endziel das Restaurant „Il Gatto E La Volpe Sas Di Camilli Federica“ ein, das man von der Via Aurelia zwischen Vetralla und Tarquina relativ bequem erreicht. Dort angekommen, folgt man der Strada San Vivenzio nach links für weitere drei Kilometer bis zu einem Parkplatz.

Als wir am Restaurant am Ostermontag einbiegen, ist alles voller Menschen. Hunderte von Wanderern sind unterwegs und wir sind erst einmal völlig sprachlos: Zwar haben wir auch in anderen archäologischen Stätten Osterausflügler getroffen, aber diese Menschenmassen hier verwundern uns doch. Wir stellen später fest, dass wir direkt in die Wallfahrt hineingeraten sind, die jeden Ostermontag vom knapp 16 km entfernten Blera zur Kirche von San Vivenzio führt. San Vivenzio soll der Bischof von Blera gewesen sein und ist heute der Stadtheilige. Für einige Jahre soll er als Eremit in einer Grotte in der Nähe von Norchia gelebt haben, über der später eine Kirche errichtet wurde.

in der etruskischen Nekropole von Norchia

in der etruskischen Nekropole von Norchia

in der etruskischen Nekropole von Norchia

in der etruskischen Nekropole von Norchia

Wir ließen die Pilgermassen und die Kirche aber hinter uns und gingen direkt zur Totenstadt von Norchia. Viel Zeit würden wir heute nicht haben, das wussten wir, denn für den Nachmittag waren schwere Gewitter angekündigt. Deshalb wollten wir die Zeit so gut wie möglich nutzen.

Vom Parkplatz steigt man den Hang hinab ins Tal des Flusses Pile. Der ganze Hang ist voller Gräber, die sich hier – wie in der Pian di Vescovo in Blera – regelrecht übereinander stapeln. Auch hier wenden die Gräber die Schauseite direkt der ehemaligen etruskischen Siedlung zu, die auf dem Plateau gegenüber lag, jenseits des Pile.
Viele Gräber in Norchia kann man nicht betreten. Sie sind abgesperrt und man kann sie nur aus einigen Metern Entfernung bewundern.

Die sehr prächtigen Gräber, die sich hier am Hang übereinandertürmen, stammen aus der Hochzeit der Siedlung: dem späten 4. bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christus. Leider ist alles sehr zugewachsen, so dass man kaum einen Eindruck davon bekommt, wie prachtvoll all diese Bauten einstmals ausgesehen haben müssen.
Die älteren Würfelgräber liegen weiter unten: Der Würfel hat eine Scheintür, das eigentliche Grab liegt unter dem Würfel tief im Boden.
Im oberen Bereich des Hanges findet man die sogenannten „Sottofacciatagräber„, eine spezielle etruskische Grabform, bei der die Fassade durch ein Vordach zweigeteilt ist: der untere Teil (der sogenannte Sottofacciataraum) enthält mitunter Säulen oder Bänke. Wahrscheinlich diente dieser Raum kultischen Zwecken, sowie die Würfeldächer, die auch hier durch seitliche Treppen bestiegen werden können. Eines dieser Sottofacciatagräber ist die Tomba Prostila.

Tomba Prostila in der etruskischen Nekropole von Norchia

Tomba Prostila

Wir steigen jenseits des Pile wieder einen Hang hinauf – auf das Plateau, wo die etruskische Siedlung und auch das mittelalterliche Dorf lagen. Hier führte die Via Clodia – von Blera kommend – direkt in den Ort hinein. Oben angekommen, wenden wir uns nach links, nach Süden, wo wir neben etruskischen Gräbern auch ein römisches Columbarium finden. Danach folgen wir dem Weg nach Norden weiter, zu den Resten des Kastells und der romanischen Kirche.

Stadttor in Norchia

Hinter der Kirche steigen wir wieder hinab, kommen durch ein gut erhaltenes Stadttor, durch das wahrscheinlich die Via Clodia aus Norchia hinausführte und klettern über Felsen und eine Metallleiter durch einen Hohlweg abwärts. Unser Ziel ist die Cava Buia, die jenseits des Flusses Biedano liegt. Sie soll sehr eindrucksvoll sein und auch lateinische Inschriften enthalten. Doch wir finden partout keinen Weg, über den Fluss zu kommen, wenn wir nicht knietief durchs Wasser waten wollen. Unsere Karte zeigt eine Furt an, aber möglicherweise ist sie in der trockenen, wärmeren Jahreszeit besser passierbar?
Wir kommen jedenfalls nicht auf die andere Seite und nachdem wir eine Weile am Ufer herumgeirrt sind, beginnt es dann tatsächlich zu regnen – die angekündigten Gewitter ziehen auf und wir beeilen uns, zum Auto zurückzukommen. Leider bedeutete das auch, dass wir einige bedeutende Gräber Norchias – etwa die Tomba Ciarlanti oder die Tomba delle tre teste – nicht gesehen haben.
Wenn ihr also bei besserem Wetter kommt, solltet ihr euch mehr Zeit nehmen. Denn auch hier in Norchia hätten wir leicht einen ganzen Tag verbringen können. So wurden es leider nur einige wenige Stunden.

Immerhin wuschen die Gewitter endlich den Sahara-Staub aus der Luft und in Sutri am nächsten Tag konnten wir blauen Himmel und Sonnenschein genießen.


Sutri: Etruskisch-römisches Nebeneinander

Sutri stand bereits auf meiner Liste für meine erste Latium-Reise im Herbst 2021. Der ursprüngliche Plan, mit dem Bus einen Tagesausflug ab Viterbo zu unternehmen, fiel Dank meines kaputten Knöchels ins Wasser.
Da Barbarano Romano aber nur 20 km von Sutri entfernt liegt, nahmen wir es dieses Jahr in die Reiseplanung auf.

Anblick von Sutri

Von Sutris früher Geschichte ist wenig bekannt. Man weiß, dass die Stadt bereits nach 396 v. Chr. – nach dem Fall von Veji – an die Römer kam. Seit diesem Zeitpunkt herrschte in Sutri ein etruskisch-römisches Nebeneinander, das eindrucksvolle Zeugnisse im archäologischen Park am Südrand der Stadt hinterlassen hat. Römische Geschichtsschreiber bezeichneten Sutri auch als „Tor nach Etrurien“.

Das Herzstück des archäologischen Parks ist das Amphitheater, das nicht genau datierbar ist (der vermutete Zeitraum spannt sich vom 1. Jahrhundert vor bis ins 1. Jahrhundert nach Christus). Es bot 9000 Zuschauern Platz und ist das einzige römische Amphitheater, das vollständig aus dem Stein herausgegraben wurde – in gut etruskischer Manier, möchte man fast sagen.

Entlang der Via Cassia, die noch heute zwischen dem Ort Sutri und dem archäologischen Park entlangführt, finden sich zahlreiche Felsgräber in den Stein geschlagen. Diese Necropoli della Via Cassia ist relativ neuen Datums, etwa ab dem 4. Jahrhundert bis in die römische Kaiserzeit. Hier findet man einige Kammergräber, die in den Tuff geschlagen wurden, sowie auch Columbarien mit Nischen für die Urnen – und Arcosolgräber. Arcosolgräber sind römische Grabformen, bei denen die Körper der Verstorbenen in Wandnischen bestattet wurden. Dabei fällt auf, dass verschiedene Formen der Bestattung (also Brand- und Körperbestattung) mitunter im selben Grab anzutreffen sind. Die Fassaden einiger Gräber waren mit Reliefs verziert.

Neben dem römischen Amphitheater ist die Kirche Madonna del Prato wahrscheinlich die wichtigste Sehenswürdigkeit in Sutri. Die Kirche ist vollständig in den Tuff gegraben und wurde aufgrund der Anlage – ein langgezogener Raum mit Steinbänken an den Seitenwänden und einer beckenartigen Vertiefung in der Mitte – häufig als Mithräum interpretiert.
Zugegeben ganz sicher ist es nicht, dass die Höhlenkirche früher einmal ein Mithräum war – aber einiges spricht dafür.
Ein Mithräum ist ein Tempel des Gottes Mithras – einer der am weitesten verbreiteten Mysterienkulte des späten römischen Reiches, der besonders bei Soldaten beliebt war. Diese Tempel lagen für gewöhnlich unterirdisch in einer natürlichen oder auch künstlich geschaffenen Höhle.

Madonna del Parto - das sogenante Mithräum von Sutri

Madonna del Parto – das sogenante Mithräum von Sutri

Der heutige Name Madonna del Parto („Madonna der Geburt“) leitet sich von der Darstellung Christi Geburt ab, die sich unter den mittelalterlichen Fresken befindet:

Wenn man die Kirche heute betritt, kommt man zuerst in einen Vorraum. Dieser Vorraum wiederum war möglicherweise ein etruskisches Kammergrab, in dessen Wand dann späterhin eine Tür zur nebenan liegenden Kirche gebrochen wurde.
In diesem Vorraum findet man Fresken aus dem 14. Jahrhundert, die links die Madonna mit Kind, rechts den Heiligen Christophorus und in der Mitte die Legende des Gargano darstellen. Dies ist die Gründungslegende des ältesten Michaels-Heiligtums Europas, das im 5. Jahrhundert in Apulien auf dem Berg Gargano entstanden war.

Mehr über die Gargano-Legende findet ihr in meinem Artikel über den Monte Sant‘ Angelo und den Kult des Heiligen Michael.

Mont St. Michel und Monte Sant‘ Angelo: Der Kult des Erzengels Michael

Sutri hatte vor der römischen Eroberung kaum Bedeutung. Seine Wichtigkeit nahm dann aber kontinuierlich zu und erreichte im Mittelalter seinen Höhepunkt. Eine Menge könnte man also über Sutri schreiben. Da ich aber hier in diesem Artikel mich auf die etruskischen Zeugnisse beschränken möchte, werde ich hier nicht im Detail darauf eingehen. Vielleicht folgt dazu einmal ein eigener Artikel.

Amphitheater und das sog. Mithräum von Sutri können nur mit einer Eintrittskarte besichtigt werden. Der reguläre Preis sind 8€, der ermäßigte Preis 6€. Kinder und Jugendliche sind frei.

Während man das Amphitheater alleine besuchen kann, kann das Mithräum nur im Rahmen einer – zugegeben sehr gehetzten – Führung besichtigt werden. Man hat ziemlich genau 20 min, bevor man die Kirche wieder verlassen muss.
Verständlicherweise möchte man die kostbaren und empfindlichen Fresken schützen, aber es wäre doch schön, wenn man dafür einen anderen Modus fände – etwa wie in Padua, wo man für die Giotto-Fresken auch nur 15 min Zeit hat, diese aber dafür wirklich in Ruhe und Muße genießen kann.




Etruskisch-römischer Tempel der Demeter

Einen besonders magischen Ort – wie ich fand – habe ich für den Schluss aufgehoben: Den etruskisch-römischen Tempel der Demeter in einem Wald bei Vetralla, der erst im April 2006 entdeckt wurde.

Mitten im Wald, etwa 700 m von der Straße entfernt, die von Vetralla (Ortsteil Valli) nach Blera führt, liegen hier einige große Felsen. Es sieht auf den ersten Blick sehr willkürlich aus, dann bemerkt man einige Spuren von Bearbeitung, wobei wohl nicht ganz klar ist, welchen Zwecken sie dienten.
Geht man um die Felsen herum, kommt man in eine natürliche Höhle, von der ein schmaler Durchgang in einen kleinen Raum zwischen den Felsen führt und hier steht ein kleiner Tempel, in dem eine Statue der Demeter gefunden wurde.

Ich fand diesen Ort wahrlich magisch. Es wirkt, als hätte sich hier schon lange in diesem Spalt zwischen den Felsen ein alter Kultort befunden, der dann schließlich in etruskisch-römischer Zeit mit einem „richtigen“ Tempel versehen wurde. Auch heute noch liegen in dem Tempel kleine Opfergaben, die Menschen hinterlassen: Frische Blumen, Äpfel, Armbänder, Kerzen, diverse Alltagsgegenstände und auch Tarotkarten. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Auch auf mich machte die besondere Stimmung dieses Ort großen Eindruck.

Die antiken Votivgaben, die hier gefunden wurden, zeigen, dass der Kultort vom dritten vorchristlichen Jahrhundert bis ins frühe zweite Jahrhundert nach Christus frequentiert worden war.


Weitere etruskische Ausgrabungsstätten im nördlichen Latium

Hier noch einige etruskische Ausgrabungsstätten im nördlichen Latium, die wir nicht besucht haben. Die Liste ist natürlich keineswegs vollständig und dient lediglich als kurze Ergänzung.

acht Kilometer von Viterbo, 33 km von Barbarano Romano. Bedeutende etruskische Grabanlagen

23 km von Viterbo, 46 km von Barbarano Romano. Mittelalterliche Stadt mit bedeutender etruskischer Vergangenheit. Grabstätten und archäologisches Museum.

58 km von Viterbo, 74 km von Barbarano Romano


Etruskische Nekropolen in Cerveteri und Tarquinia (UNESCO Weltkulturerbe)

Die beiden Orte Cerveteri und Tarquinia habe ich bereits bei meiner ersten Latium-Reise vor einigen Jahren besucht. In Cerveteri besichtigte ich die berühmte Banditaccia-Nekropole und war gerade dabei, die Via degli Inferi entlang zu spazieren, als ich umknickte und mir den Knöchel verletzte. Damit war der für den folgenden Tag geplante Besuch der Gräber in Tarquinia hinfällig geworden – ein weißer Fleck auf meiner Italienkarte, den ich noch immer zu füllen habe.

Via degli Inferi: Das letzte Foto, bevor ich mir den Fuß verknackste. Hier traf ich Francesco, ohne den ich an diesem Tag sicher nicht mehr zum Hotel gekommen wäre

Tarquinia und Cerveteri gehörten zu den bedeutendsten und reichsten etruskischen Städten und waren mit Sicherheit Mitglieder des etruskischen Zwölf-Städte-Bundes. Die riesigen, fast 400 ha umfassenden Anlagen, die sich rund um diese Städte bilden, zeugen noch heute von ihrem Reichtum! Die Totenstadt Banditaccia in Cerveteri und die Monterozzi Nekropole in Tarquinia wurden 2004 in die UNESCO Weltkulturerbe-Liste aufgenommen.

Beide Städte verdienen eigentlich eigene Artikel. Ihnen hier gerecht werden zu wollen, ist unmöglich, weshalb ich sie hier nur kurz vorstellen und auf ausführliche Artikel verweisen werde.

Die Banditaccia-Nekropole bei Cerveteri erstreckt sich auf fast 200 ha Fläche und bietet auf einer stadtähnlichen Anlage mit Straßen, Plätzen und „Häusergruppen“ einen Einblick in die etruskische Grabarchitektur vom 9. Jahrhundert vor Christus bis in die römische Zeit. Tausende von verschiedenartigen Gräbern lassen sich finden: Einfache Pozzogräber, Fossagräber, in den Tuff geschlagene Kammergräber, die zum Teil mit riesigen Tumuli überdeckt wurden sowie Würfelgräber.
Um die Totenstadt herum, für die man Eintritt zahlen muss, gibt es noch zahlreiche frei zugängliche Gräber.

Cerveteri hatte einen großen Einfluss auch auf die kleineren etruskischen Siedlungen im Hinterland, die ich hier im Artikel vorgestellt habe – sowohl politisch, als auch was die Grabarchitektur anbelangt.

Mehr über die Cerveteri könnt ihr hier nachlesen:

Die Monterozzi-Nekropole in Tarquinia, die ich – wie geschrieben – leider selbst bisher noch nicht besucht habe, ist etwas kleiner als die etruskischen Ausgrabungen in Cerveteri und erstreckt sich auf etwa 130 ha. Sie enthält dabei aber fast 6000 aus dem Stein herausgeschlagene Gräber.

Bekannt ist Tarquinia vor allem für seine bemalten Gräber – ungefähr 200 wurden hier gefunden – aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert. Einige davon sind am Originalstandort abgebaut und im archäologischen Museum von Tarquinia aufgebaut worden, so dass sogar ich mit meinem kaputten Fuß sie besuchen konnte.

Mehr über die Etrusker in Tarquinia erfahrt ihr bei meiner Bloggerkollegin Monika von Reise-Zikaden.


Ich hoffe, ich konnte euch hier ein bisschen von meiner Begeisterung vermitteln, die ich verspürte, als in dieser so unberührten Landschaft durch die etruskischen Grabanlagen kroch, mit meiner Stirnlampe auf dem Kopf und mich dabei fühlte, wie Indiana Jones.

Wieder einmal hat mich das Gebiet im nördlichen Latium völlig begeistert, wie schon 2021 bei meiner ersten Reise. Es gibt hier einfach so unglaublich viel zu entdecken. Eine ganze Wochen lang bewegten wir uns auf sehr kleinem Raum – ohne uns zu langweilen. Im Gegenteil: Wir haben auch dort noch längst nicht alles gesehen, was uns interessiert hätte.

Wieder einmal kann ich nur sagen: Liebe Leser, fahrt ins nördliche Latium. Es gibt viel zu sehen!


Reiseführer und Literatur für eure Reise ins Latium

Latium mit Rom von Florian FritzMichael Müller Verlag, 2018

Ich selbst reise seit vielen Jahren mit den Reiseführern aus dem Michael-Müller-Verlag. Ich schätze daran, dass ich nicht nur Infos über Geschichte, Kunst und Kultur bekomme, sondern auch über Land und Leute heute, zuverlässige Hotel- und Restauranttipps und auch sonst allerhand Wissenswertes über das Reiseziel.
Auch auf meiner Reise zu den Sehenswürdigkeiten Tivolis hat mir der Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag gute Dienste getan.

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Die Etrusker. Weltkultur im antiken Italien, hrsg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Darmstadt 2018.

Dieser sehr umfangreiche Ausstellungskatalog tat mir mit seinen zahlreichen, sehr guten Artikeln große Dienste bei der Vor- und Nachbereitung der Reise ins nördliche Latium. Allen, die sich für die Etrusker interessieren, sei er sehr ans Herz gelegt.

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Steingräber, Stephan: Etrurien. Städte, Heiligtümer, Nekropolen, München 1981, 603 Seiten.

Unser treuer Begleiter auf der Reise ins nördliche Latium. Zwar ist das Buch schon älteren Datums und leider nur noch gebraucht erhältlich, aber er umfasst sehr umfangreich die verschiedenen etruskischen Ausgrabungsstätten in der Toskana, Umbrien und im Latium. Natürlich muss man hierbei bedenken, dass ein Buch, das über 40 Jahre alt ist, nicht die aktuellen Entwicklungen und Ergebnisse der Forschung widerspiegeln kann. Dass es noch immer Entdeckungen gibt, hat ja das Beispiel des erst kürzlich gefundenen Grabs neben der Tomba della Regina gezeigt. Dennoch ist das Buch das umfassendste und zugleich kompakteste, was man als Laie für die Vorbereitung einer Reise nach Etrurien lesen kann.
Das Buch war auch auf Amazon nicht mehr gebraucht erhältlich. Ich habe es auf zvab.com erstanden.


Kürzere Darstellungen:

Die Etrusker von Christopher Smith, Reclam Taschenbuch, 2016, 191 Seiten.

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Die Etrusker von Friederike Bubenheimer Erhart, wbg, 2017, 191 Seiten, 134 farbige Abbildungen.

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Die Etrusker. Ursprünge, Geschichte, Zivilisation von Dirk Steuernagel, Matrix Verlag, 2020, 223 Seiten.

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Etruscan Places. Travels through forgotten Italy von D. H. Lawrence, Diogenes Verlag, 2007.

1927 reiste D. H. Lawrence durch das nördliche Latium und die südliche Toskana und besuchte dabei u.a. die etruskischen Stätten von Caere, Tarquina, Vulci und Volterra. In diesem Reisebericht erzählt er von Land und Leuten und den Stätten, die er besuchte.

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Verwendete Literatur

Lawrence, D.H.: Etruskische Stätten. Reisetagebücher, Zürich 1985.

Prayon, Friedhelm: Tod und Jenseits. Das ewige Banket mit den Verstorbenen, in: Die Etrusker. Weltkultur im antiken Italien, hrsg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Darmstadt 2018, S. 192-196.

Steingräber, Stephan: Etrurien. Städte, Heiligtümer, Nekropolen, München 1981.

Steingräber, Stephan: „Häuser der Toten“. Etruskische Nekropolen und Gräber, in: Die Etrusker. Weltkultur im antiken Italien, hrsg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Darmstadt 2018, 197-201.

Webseite Blera Cultura (auf italienisch)


Offenlegung: Die Reise ins Latium wurde vollständig von mir selbst organisiert und finanziert.

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Ich bin keine Etruskologin und sowohl für die Reise als auch für diesen Artikel musste ich mir Vieles erst anlesen. Als Historikerin liegt mein fachlicher Schwerpunkt deutlich später.
Ich freue mich also über Hinweise und Ergänzungen.

ich in der Cava Buia bei Blera


Weiterlesen über Antike und Archäologie auf wandernd.de

Weiterlesen über Latium auf wandernd.de

4 Gedanken zu “Etruskische Nekropolen im Latium: Wandern auf den Spuren der Etrusker [+Karte]

  1. Grazie! Questo reportage stimola ad intraprendere un viaggio nella Tuscia viterbese, ancora così poco conosciuta, perché offre informazioni complete, da un punto di vista sia storico che pratico e trasmette la passione di chi ama condividere la conoscenza di luoghi inspiegabilmente sottovalutati.

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